
Zitat von
A-Lincoln
Der Mai-1945-Vergleich greift deshalb zu kurz, weil er Analyse mit Hellseherei verwechselt. Eine Baseline-Analyse hätte damals verlässlich gezeigt, was nicht möglich ist, welche Pfade unbezahlbar, instabil oder politisch nicht durchsetzbar sind. Und genau diese negative Erkenntnis ist in Krisenzeiten oft wertvoller als jede positive Vision.(Produktionskapazitäten, Demografie, Institutionelle Zerstörung, Finanzielle Restriktionen)
Visionen haben eine eigentümliche Eigenschaft: Sie können sich erfüllen – müssen es aber nicht. Historisch haben sich viele große, emotional aufgeladene Zukunftsbilder als realitätsfremd, falsch kalibriert oder sogar als Weg ins Unglück erwiesen, gerade weil sie strukturelle Grenzen ignorierten. Die Geschichte Europas selbst liefert dafür leider mehr als genug Anschauungsmaterial.
Sachliche Analyse ist weniger glamourös, aber robuster. Sie verspricht keine Erlösung, sondern liefert belastbare Ergebnisse: Kostenräume, Reaktionszeiten, institutionelle Engpässe. Sie kann enttäuschen, aber sie täuscht nicht. Und selbst wenn sich die Rahmenbedingungen später ändern, bleibt Analyse anschlussfähig – Visionen dagegen brechen oft genau dort, wo die Realität nicht kooperiert.
Dass die EU politisches Neuland ist, bestreite ich nicht. Aber Neuland entbindet nicht von Physik. Auch dort gelten Traglasten, Legitimitätsgrenzen und soziale Reibung. Visionen zeigen, wohin man will – Analyse entscheidet, ob man unterwegs abstürzt.
Kurz gesagt: Visionen können inspirieren. Analyse hingegen führt immer zu einem sinnvollen Ergebnis – manchmal unbequem, manchmal ernüchternd, aber verlässlich.
Und in Zeiten von Krieg und systemischer Krise ist Verlässlichkeit kein Mangel an Fantasie, sondern eine Form von Verantwortung und manchmal überlebenswichtig.