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Seit mehr als zwei Monaten stehen Flüchtlinge bei Regen und Hitze vor dem Lageso an der Turmstraße Schlange. Tagelang. Von morgens bis abends. Ohne dass ihre Anträge bearbeitet werden. Viele kampieren nachts in Schlafsäcken an der Straße oder im Park gegenüber. Auf der Wiese vor dem Lageso stapelt sich der Müll. Lange gab es nur vier Toiletten, für Tausende von Menschen. In den vergangenen Tagen waren es wieder 3000 auf dem Gelände. Babys schreien, Kinder quengeln. Die Menschen sind entnervt.
Immer öfter muss die Polizei aufgebrachte Männer zurückweisen, stellenweise sogar unter Androhung von Pfefferspray. Im Park soll es nachts zu Vergewaltigungen von weiblichen Flüchtlingen gekommen seien. Auch zu Raubüberfällen. Dabei erlitt ein afghanischer Flüchtling schwere Stichverletzungen und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ein andermal wurde ein Helfer bei der Essensausgabe von Flüchtlingen bedroht. Und nun, am vergangenen Donnerstag, der Sprungversuch.
Warum bekommt die Berliner Verwaltung die Situation seit mehr als zwei Monaten nicht in den Griff?
Das Flüchtlingschaos kommt, zusammengefasst, so zustande: Flüchtlinge, die nach Berlin gelangen, müssen sich am Lageso registrieren. Danach können sie ihren Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) stellen, sollte vom Lageso nicht entschieden werden, dass sie dazu in ein anderes Bundesland müssen, weil es in Berlin schon zu viele Asylsuchende gibt. Sollte das der Fall sein, bekommen sie vom Lageso einen Zuggutschein. Nach Absprache mit der Deutschen Bahn soll dieser 14 Tage gültig sein. Verschiedene ehrenamtliche Helfer berichten aber, dass mehrfach Schaffner davon nichts wissen wollten und die Flüchtlinge als Schwarzfahrer kassierten. Ohne Geld kommen die Flüchtlinge zurück zum Lageso und reihen sich wieder in die Schlange.
Sollte das Lageso entscheiden, dass der Asylantrag in Berlin gestellt werden kann, müssen die Flüchtlinge zum BAMF. Stellen dürfen sie dort ihren Antrag aber nur, wenn sie nachweisen können, dass sie in einer Flüchtlingsunterkunft wohnen. Auch das klappt nicht immer, weil es nicht genügend Plätze gibt oder etwas anderes schief läuft. Kommt schon mal vor in so einem Gedrängel. Und so müssen die Flüchtlinge, wenn sie das BAMF wegen fehlender Unterlagen abweist zurück in die Schlange vorm Lageso.
Das müssen auch alle jene, deren Antrag erfolgreich vom BAMF bearbeitet wurde und die nun Asylleistungen beziehen können. Denn die Leistungen gibt es auch wieder vom Lageso. Oft dauert die Antragsbearbeitung beim BAMF aber viel länger als drei Monate, sodass die Flüchtlinge ihre vom BAMF genehmigte Aufenthaltsfrist überschreiten. Um sie zu verlängern, müssen sie – nicht zum BAMF, auch nicht zur Lageso – sondern zur Ausländerbehörde.
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