GTAI 21.12.2023 von Janosch Siepen | Bogotá
Wirtschaftsstandort | Venezuela
Venezuela rückt in den Fokus
Die angeschlagene Wirtschaft zeigt positive Signale. Veränderungen der Geopolitik eröffnen neue Geschäftschancen. Sorgen bereiten aktuell die Spannungen mit dem Nachbarland Guyana. Venezuela ist enorm reich an fossilen Rohstoffen, litt aber lange Zeit unter einer
schweren Rezession. Seit einigen Jahren zeigt der Karibikstaat Anzeichen einer wirtschaftlichen Erholung und einer beginnenden wirtschaftlichen Liberalisierung. Die
Lockerung der US-Sanktionen gegen das Land im Oktober 2023 hat Venezuela wieder in den Fokus gerückt. Für Verunsicherung sorgt aber das Säbelrasseln Venezuelas gegenüber dem Nachbarland Guyana.
Welche Chancen und Risiken bestehen für deutsche Firmen in Venezuela?
Bedeutung von Erdöl in Venezuelas Wirtschaftsstruktur nimmt zu
Die Lockerung der US-Sanktionen und Ölreichtum machen Venezuela interessant für deutsche Firmen. Das Potenzial des Landes ist groß - ebenso wie die bestehenden Herausforderungen.
Venezuela war lange Zeit eine verhältnismäßig
reiche Volkswirtschaft in Südamerika und Standort zahlreicher multinationaler und deutscher Unternehmen. Im Jahr
2013 verfügte das Land noch über das
vierthöchste Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in der Region.
Allerdings schrumpfte die venezolanische Wirtschaft zwischen 2014 und 2020 um fast
80 Prozent, unter anderem aufgrund von
Misswirtschaft, Verstaatlichungen, sinkenden Ölpreisen, Hyperinflation und
US-Sanktionen.
Die
wirtschaftliche Aktivität ist
massiv zurückgegangen:
Viele Geschäfte sind geschlossen, Gebäude stehen leer und das Containervolumen in den Häfen ist stark reduziert.
Doch die allmähliche wirtschaftspolitische Öffnung und der steigende Bedarf an venezolanischem Öl auf dem Weltmarkt haben wieder zu positiven Wachstumszahlen geführt.
Halten diese Trends an, könnten sich mittelfristig neue Geschäftschancen eröffnen. Verschiedene internationale Großkonzerne wie
Chevron, Eni, Repsol, Maurel & Prom, Mondelez, Mitsubishi und
Maha Energy sind bereits wieder in Venezuela aktiv oder haben entsprechende Pläne angekündigt.
Venezuela profitiert von geopolitischen Veränderungen
Venezuela verfügt über die größten Ölreserven der Welt (18 Prozent der globalen Vorkommen) und die zweitgrößten Erdgasreserven in der westlichen Hemisphäre. In den vergangenen Jahren durchlebte der Sektor aber einen drastischen Niedergang. Nun könnte sich das Blatt wenden. Angesichts des Kriegs in der Ukraine, Sanktionen gegen Russland und der unsicheren Lage in Nahost sind traditionelle Bezugsmärkte fossiler Energie für den Westen unzugänglich oder gefährdet.
Damit steigt in den
USA und
Europa das Interesse an Venezuelas Öl- und Gasvorkommen, und es bestehen Chancen für eine
Reaktivierung der
Branche. Auch neue Geschäftsfelder wie
Flüssiggasexporte könnten hinzukommen. Der
spanische Ölgigant Repsol verfolgt bereits entsprechende Pläne. Die
EU verhandelt mit Venezuela über ein
1,5 Milliarden US-Dollar (US$) schweres Projekt, um Methanemissionen aufzufangen und als Flüssiggas in die EU zu exportieren. Das Projekt soll aus Mitteln der
Global Gateway-Initiative finanziert werden.
Großes Potenzial für industrielle Reaktivierung
Venezuelas industrielles Potenzial ist groß. Das Land verfügt über
große Raffinerien, und die installierte
Stromerzeugungskapazität ist doppelt so hoch wie im Nachbarland Kolumbien, so die Lateinamerikanische Energieorganisation (OLADE). Doch nach
Jahren der
Rezession liegt ein Großteil der industriellen Infrastruktur Venezuelas brach. Weniger als
ein Drittel der Kapazität ist ausgelastet. Eine Schienenstrecke zwischen Caracas und Valencia endet im Nirgendwo und Landeskenner berichten von Fabriken, die nie in Betrieb genommen wurden. Der Bedarf, die Industrie wieder in Gang zu bringen, ist groß. Die Wiederinbetriebnahme von Maschinen und Anlagen erfordert ausländische Technik und Wartungsdienstleistungen in allen Wirtschaftsbereichen.
SWOT-Analyse Venezuela
S
Stärken
Strengths
Riesige Öl- und Gasvorkommen
Lage am Atlantik prädestiniert für Exporte nach Nordamerika und Europa
Hoher Urbanisierungsgrad
Große Teile der Industrie basieren auf nordamerikanischer und europäischer Technik
Doppelbesteuerungs- und Investitionsschutzabkommen mit Deutschland
O
Chancen
Opportunities
Veränderte Geopolitik erhöht Nachfrage nach venezolanischen Rohstoffen
Zugeständnisse der Regierung führen zu weiteren Sanktionslockerungen vor den Präsidentschaftswahlen
Teilweise wirtschaftliche Liberalisierung
Großer Bedarf an Maßnahmen zur Reaktivierung der industriellen Kapazität
UN-Treuhandfonds für humanitäre Projekte aus eingefrorenen Geldern kann Geschäftsmöglichkeiten eröffnen
W
Schwächen
Weaknesses
Starker Mangel an Kapital und Finanzierung
Extrem hohe Inflation
Internationale Sanktionen
Großteil der industriellen Infrastruktur seit Jahren nicht gewartet
Korruption und fehlende Rechtssicherheit
T
Risiken
Threats
Regierung agiert erratisch
Undemokratischer Wahlvorgang 2024 führt zu neuen Sanktionen
Geldentwertung nimmt zu
Sinkende Ölpreise treffen die Wirtschaft
Chinesische Firmen werden in Venezuela präsenter
Laut dem spanischen
Beratungsunternehmen LLYC bieten verschiedene Sektoren in Venezuela Absatzchancen mit überschaubarem Risiko. Dazu gehören die Lieferung und Produktion von Nahrungsmitteln und Getränken, landwirtschaftlichen Betriebsmitteln und Düngemitteln, Fahrzeugteilen, Pharmazeutika, Kunststoff sowie der Tourismus. In diesen Bereichen lasse sich ein Vertrieb relativ schnell aufbauen, die Importzölle seien vergleichsweise niedrig und es gebe ungenutzte installierte Kapazität. Zudem seien diese Sektoren in geringem Maße von Sanktionen betroffen und sanktionierte Firmen oder Einrichtungen seien kaum vorhanden.
Deutsche Unternehmen sehen Chancen - und große Herausforderungen
In vielen Branchen kommt deutsche und nordamerikanische Technologie zum Einsatz.
Industrieanlagen wie die Großbrauerei des Lebensmittelkonzerns Polar verwenden Maschinen von Krones aus Bayern und Getriebemotoren des baden-württembergischen Antriebsherstellers SEW-Eurodrive. Das Geschäftsumfeld ist aus deutscher Sicht noch sehr komplex. So berichtet ein Unternehmensvertreter, dass es häufig an Produktregulierungen fehle, so dass jedes Produkt in jeder Qualität auf dem venezolanischen Markt vertrieben werden könne. Dadurch müssten Firmen Produkte
günstig anbieten, um
wettbewerbsfähig zu bleiben. Potenzial bestünde dennoch.
...
Der britische Informationsdienstleister
Economist Intelligence Unit listet Venezuela auf dem
letzten Platz in seinem Ranking zum Geschäftsklima in
82 Ländern weltweit. Die Politik der Regierung schrecke ausländische Investoren durch komplizierte Vorschriften und wenig Aussicht auf fairen Wettbewerb ab. Die Geschichte Venezuelas mit Verstaatlichungen und staatlichen Eingriffen hat dazu geführt, dass das Vertrauen der Investoren in das Land weiterhin ausgesprochen gering ist. Im
Index of Economic Freedom der Heritage Foundation rangiert Venezuela auf Platz
174 von
176 Ländern weltweit.
Finanzierung fehlt und die Steuerlast ist hoch
Eines der größten Hindernisse für Geschäfte und Investitionen in Venezuela ist der
Mangel an
Bankkrediten. Das
Forschungsinstitut Ecoanalítica schätzt den Kreditbedarf des Privatsektors auf rund
6 Milliarden US-Dollar (US$), das gesamte Kreditportfolio venezolanischer Banken betrug Mitte 2023 jedoch nur etwa
730 Millionen US$. Unternehmen klagen auch über die
hohe Steuerlast im Land. Die 2022 angepasste Steuer auf große Finanztransaktionen (Impuesto a las Grandes Transacciones Financieras, IGTF) beispielsweise erhebt 3 Prozent auf Transaktionen in Fremdwährungen und verhindert so die Verwendung des US-Dollars im Land.
Bei einer
dreistelligen Inflationsrate können Geschäfte im Ausland nur über harte Währungen abgewickelt werden. Die meisten lokalen Unternehmen haben Bankkonten in anderen Ländern. Venezuelas wirtschaftliche Zukunft hängt von einer langfristigen Aufhebung der Sanktionen ab, die noch nicht absehbar ist. Trotz des Drucks der USA auf die Regierung, freie Wahlen im Jahr 2024 im Gegenzug zu Sanktionslockerungen zuzulassen und weitere Lockerungen zu ermöglichen, bleibt der zukünftige Kurs der Regierung
ungewiss.
Gleichzeitig kündigten die USA an, die Aufhebung der Sanktionen gegen Venezuela auszusetzen, sofern keine demokratischen Fortschritte erzielt werden. Der
Grenzstreit mit
Guyana um die
ölreiche Region Esequibo sorgt für
zusätzliche Unsicherheit.
Zwar dürfte sich die zaghafte wirtschaftliche Liberalisierung der Wirtschaft fortsetzen. Doch trotz der Abschaffung vieler Preis- und Währungskontrollen seit 2019 und einer de facto Dollarisierung der Wirtschaft bleiben grundlegende strukturelle Wirtschaftsreformen unwahrscheinlich.
Deutsche Direktinvestitionen sinken
Die deutschen Direktinvestitionen in Venezuela sind seit Jahren rückläufig. Die verbliebenen deutschen Unternehmen in Venezuela bieten vornehmlich Dienstleistungen und Produktvertrieb an, darunter
Siemens Energy, Bayer, Bosch, Schryver, DHL und
Saltec.
Henkel und
Linde produzieren in Venezuela. Andere Firmen aus Deutschland bearbeiten den Markt durch
Repräsentanten.
Investitionsförderung:
Regulatorischer Rahmen profitiert von wirtschaftspolitischem Wandel
Das
"Ley Constitucional de Inversión Extranjera Productiva" von 2017 bildet die Grundlage für ausländische Investitionen. Das Gesetz sieht ausdrücklich die
Gleichbehandlung ausländischer und inländischer Investoren vor und regelt die Grundsätze für ausländische Investitionen, mit Ausnahme bestimmter Wirtschaftssektoren wie Öl und Gas, Bergbau, Finanzdienstleistungen, Medien und Telekommunikation.
Unternehmerkreise berichten von einem wirtschaftspolitischen Wandel innerhalb Venezuelas, der Austausch zwischen politischen Vertretern und der Privatwirtschaft nehme zu und die Regierung zeige sich
pragmatischer. Im Juni 2022 verabschiedete die venezolanische Nationalversammlung das
"Ley Orgánica de Zonas Económicas Especiales - LOZEE". Das Gesetz regelt die Einrichtung sogenannter
Sonderwirtschaftszonen (ZEE).
Diese umfassen verschiedene Wirtschaftszweige und basieren auf einem umfangreichen System von Steuervergünstigungen, das sich auch an ausländische Unternehmen richtet. Zu den Vorteilen zählen Steuererleichterungen, Zollsenkungen, vereinfachte Verwaltungsverfahren und Zollpräferenzen.
...
[Links nur für registrierte Nutzer]