
Zitat von
A-Lincoln
Zunächst zur Idee: Ich würde den Ist-Zustand linear in die Zukunft fortschreiben. Das tue ich ausdrücklich nicht. Was ich mache, ist Baseline-Analyse, Du Prognose. Aber! Prognose ist nicht gleich Extrapolation. Wer in Szenarien springt, ohne die gegenwärtigen institutionellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Grenzen sauber zu vermessen, betreibt keine Vorausschau, sondern Narrativdesign.
Deine Passage zu Parametern, Gewichtungen und Eintrittswahrscheinlichkeiten klingt zunächst analytisch, bleibt aber auffällig unverankert. Du sagst selbst nicht, welche Parameter du konkret wie gewichtest, sondern betonst nur, dass es viele geben könnte. Das ist ein klassischer Fall von abstrakter Komplexitätsrhetorik: Sie erzeugt Tiefe, ersetzt aber keine belastbare Modellierung. Prognosen werden nicht besser, nur weil man ihre Unsicherheit ausführlich beschreibt.
Inhaltlich problematisch wird es beim Europa-Teil. Du skizzierst ein unitaristisches Greater Europe als Manifestation eines freien Volkswillens – das gefällt mir - räumst aber gleichzeitig ein, dass der Impuls über einen äußeren Feind kommen könnte. Genau hier liegt der Bruch:
Eine politische Ordnung, die emotional über Bedrohung aktiviert wird, erzeugt Mobilisierung, aber keinen stabilen Legitimationskern. Das ist kein Schönheitsfehler der Entstehungsgeschichte, sondern ein strukturelles Risiko. Angst integriert kurzfristig, fragmentiert langfristig. Ist das die Welt in der Du leben möchtest?
Zum Konjunktiv selbst: Natürlich ist er in der Prognostik unvermeidlich. Aber es gibt einen Unterschied zwischen kontrolliertem Konjunktiv und entfesseltem Konjunktiv. Deine Prognosen und meine Analysen operieren auf unterschiedlichen Ebenen.
Du arbeitest mit idealtypischen Zukunftsbildern, die stark von normativen Annahmen und selektiven Parametern geprägt sind. Ich nehme den aktuellen Zustand als Ausgangspunkt, um Restriktionen, Reaktionsgeschwindigkeiten und Kostenräume zu bestimmen.
Kurz: Zukunftsvision vs. Systemanalyse – kann man machen, sollte man aber nicht verwechseln.