
Zitat von
A-Lincoln
Ich verstehe schon, woher der Optimismus kommt – und ja, solche Gesprächsformate werten die EU politisch auf, zumindest nach innen. Man zeigt Handlungsfähigkeit, schreibt Papiere, formuliert Garantien, schärft gemeinsame Linien. Das ist nicht nichts. Aber man sollte aufpassen, daraus nicht mehr strategische Wirkung abzuleiten, als real vorhanden ist.
Der Beitrag liest sich wie eine Mischung aus Planspiel und PowerPoint-Optimismus. Viel "endlich", viel "das wird Putin jetzt aber beeindrucken", wenig realistische Machtanalyse. Die Vorstellung, Russland oder Putin würden wegen wohlklingender Sicherheitsgarantien oder der Ankündigung eines Expeditionskorps plötzlich einknicken, wirkt ehrlich gesagt etwas naiv-kindlich.
Putin ist kein Comic-Bösewicht, der bei der richtigen Drohkulisse nervös vom Stuhl rutscht. Und er ist auch kein göttlicher Alleinentscheider. Entscheidungen dieser Tragweite laufen durch Militär, Sicherheitsapparate, ökonomische Interessen und Elitennetzwerke. Genau deshalb funktionieren einfache Angstnarrative nicht. Abschreckung ist kein Erschrecken, sondern Glaubwürdigkeitsmanagement unter Kostenabwägung.
Art-5-ähnliche Garantien ohne NATO-Strukturen bleiben politische Symbolik. Symbolik kann innenpolitisch mobilisieren, ersetzt aber keine Eskalationsdominanz. Und ein europäisches Expeditionskorps als quasi-automatische Folge eines Waffenstillstands klingt eher nach Wunschdenken als nach umsetzbarer Strategie – militärisch wie politisch ein Hochrisikoprojekt.
Der letzte Satz mit den eingefrorenen russischen Vermögen passt perfekt ins Bild. Die Idee, strukturelle Probleme und fehlende Verhandlungstraktion durch Zugriff auf fremdes Kapital zu lösen, ist kein Ausdruck von Stärke, sondern von Mittelknappheit. Wer echte strategische Dominanz besitzt, muss nicht in fremden Tresoren wühlen, um handlungsfähig zu bleiben.
Ironisch gesagt: Wenn das Einziehen fremder Vermögen der große Gamechanger wäre, hätten Kriege längst durch Buchhaltung geendet. Tun sie aber nicht. Auch hier gilt: Symbolisch laut, strategisch begrenzt. Es ersetzt weder militärische Realitäten noch die Notwendigkeit, irgendwann mit allen Beteiligten – auch den unbequemen – am Tisch zu sitzen.
Natürlich kann man das politisch verkaufen – als Gerechtigkeit, als Druckmittel, als Zeitenwende. In der Logik internationaler Machtpolitik ist es aber ein Signal: Man kompensiert eigene Grenzen durch außerordentliche Maßnahmen. Das ist riskant, weil es die Verlässlichkeit des westlichen Finanz- und Rechtssystems selbst angreift.
Andere Akteure schauen sehr genau hin und ziehen ihre Schlüsse – meist nicht zu unseren Gunsten.