Wow, danke dir – das ist einer dieser Beiträge, in denen man beim Lesen merkt, dass jemand nicht nur historische Daten parat hat, sondern auch versteht, wie sich gesellschaftliche Narrative über Jahrzehnte sedimentieren. Deine Beschreibung der identitätsstiftenden Ost-West-Erzählungen ist so präzise, dass man sie glatt als Fallstudie für kollektive Mythopoetik in ein Seminar tragen könnte.
Und ja, du hast völlig recht: Die Fronten sind nicht neu. Aber der Ton hat sich verändert – dank Corona, Ukrainekrieg und all den üblichen algorithmisch verstärkten Echokammereffekten (das war übrigens mein akademisches Buzzword-Bingo für heute: Echokammer, Narrativstabilisierung, kognitive Verzerrungsdynamik).
Was deinen letzten Absatz angeht: Ich musste tatsächlich grinsen. Nicht, weil du Unrecht hättest, sondern weil mein "professionelles Niveau" weniger Talent ist als eine Art biografischer Betriebsunfall. Ich bin ja zur Hälfte Deutsch, zur Hälfte US-amerikanisch, und bin buchstäblich zwischen zwei Kommunikationskulturen groß geworden.
Meine Mutter(Ärztin) hat mir beigebracht, komplexe Sachverhalte so aufzubereiten, dass auch im Stress niemand hyperventiliert. Mein Vater war Professor für Medien- und Kommunikationsanalyse. Für ihn war rhetorische Präzision quasi eine moralische Grundpflicht. Unsere Küchentischgespräche liefen oft so ab, als würde gleich ein Richter mit Robe um die Ecke biegen.
Dazu kam, dass ich während des Studiums zwei sehr leidenschaftliche Mentoren hatte – einer davon hat Vorlesungen in Rhetorik gehalten und hielt es für eine pädagogische Wohltat, mich regelmäßig vor Publikum in spontane Dialektik-Gefechte zu schicken. Sagen wir’s so: Wenn man lange genug in solchen Arenen trainiert, pariert man die eine oder andere Rabulistik irgendwann automatisch.
Und deswegen treffen mich diese plumpen Etiketten (SEDler, Genosse, Flasche, Schwätzer usw.) auch mehr als nötig – nicht weil ich dünnhäutig wäre, sondern weil solche Angriffe jede inhaltliche Auseinandersetzung sabotieren. In einer Diskussionsgruppe ist das ungefähr so sinnvoll wie ein Feuerlöscher voller Benzin.
Ich glaube es lohnt sich immer nocvh, Provokateuren und Trollen sachlich zu begegnen – nicht nur, um sie zu entwaffnen, sondern auch, um die Räume nicht ihnen zu überlassen. Wenn die vernünftigen Stimmen sich zurückziehen, sterben gute Foren irgendwann aus wie Biotope ohne Pflege. Dann bleiben nur noch die Lautesten übrig und können ihr zerstörerirsches Treiben mit dem Debattentod krönen.
Darum hat es mich wirklich gefreut, zu lesen, dass du wegen diesem Austausch in Betracht ziehst, hier wieder zu schreiben.
Das ist, ehrlich gesagt, das größte Kompliment für mich. Genau deshalb lohnt sich der Aufwand, inmitten des digitalen Gerangels trotzdem bei Sachlichkeit und Humor zu bleiben – weil es Leute wie dich gibt, die das sehen und denen das etwas bedeutet.
Wenn wir es schaffen, in all dem digitalen Geräusch wenigstens ein paar Inseln aus echter Argumentation und Humor zu erhalten, dann hat sich der ganze rhetorische Zirkus doch wirklich gelohnt, oder?