Dann denk‘ mal daran, wie es Politikern bei uns geht, wenn sie „zu früh“ oder nicht laut und deutlich genug sagen, was los ist. Dann sind sie weg vom Fenster und wem ist damit gedient?
Sarrazin hat dazu in seinem Buch Stellung genommen und auch bei seinen Lesungen immer darauf verwiesen, daß so eine Hexenjagt auf Dauer niemand aushält – es sei denn, er kann dann in Pension gehen.
Thilo Sarrazin:
Deutschland schafft sich ab
Seite 12-13
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Ich war lange genug Fachökonom, Spitzenbeamter und Politiker, um zu jeder meiner Thesen den besten Anwalt aller nur denkbaren Ge¬genthesen abzugeben. In Form von Vorlagen, Vermerken, Redeent¬würfen und Aufsätzen habe ich in den letzten 35 Jahren Tausende von Seiten mit Gegenthesen gefüllt. Meine Chefs mussten politisch überleben, und ich war dazu da, ihnen dabei zu helfen. Das hatte seinen Preis: Oftmals konnten subjektiv empfundene Wahrheiten nur dosiert vorgetragen werden. Immer wieder habe ich die Erfah¬rung gemacht, dass es in verantwortlicher politischer Position zwar nicht unmöglich, aber sehr schwierig und auch nicht üblich ist, un¬angenehme Wahrheiten auszusprechen. Es liegt ja durchaus ein Stück politischer Weisheit darin, sich auf lösbare Probleme und mehrheitsfähige Vorschläge zu konzentrieren. Aber das erschwert sowohl die klare Analyse als auch die passende Therapie, und wenn man nicht aufpasst, wird einem das Gehirn bis zum Verlust der Ur¬teilskraft vernebelt. Das geht allen Spitzenpolitikern so; viele flüch¬ten sich leider ins Seichte. Dabei besteht ein großes gesellschaftliches Bedürfnis nach ungeschminkter Wahrheit, aber wer dieses stillt, lebt politisch gefährlich und wird leicht zum Opfer der Medienmacht, die die politisch Korrekten ausüben.
Von meinen 39 Berufsjahren habe ich sieben Jahre als aktiver Po¬litiker in einem Stadtstaat, sechs Jahre als Staatssekretär in einem westdeutschen Flächenland und 16 Jahre in den unterschiedlichsten Funktionen auf verschiedenen Ebenen der Bonner Ministerialbürokratie verbracht. Erst gegen Ende meiner Amtszeit als Finanzsenator in Berlin, nachdem ich durch finanzpolitische Erfolge ein gewisses Renommee erworben hatte, habe ich auch außerhalb des ganz engen Finanzbereichs den einen oder anderen offeneren Vorstoß gewagt, etwa zum Thema Hartz IV oder zu Energiesparmaßnahmen.
Trotz aller Erfahrung hat es mich sehr verblüfft, welche Resonanz es aus-löst, wenn eine Person des öffentlichen Lebens elementare Lebenszusammenhänge knapp und klar auf den Punkt bringt. Und es hat mich erschreckt, welche Flut von hasserfüllten Mails ich empfing, sobald ich ganz konkret — gesunde Ernährung vom Hartz-IV-Einkommen, Pullover gegen hohe Energiekosten - vorführte, dass Eigenverantwortung und Selbstbestimmung möglich und vor allem notwendig sind. Aber es scheint, als würde die Gruppe derer, die sich aus der Verant¬wortung für sich selbst und für ihr eigenes Leben verabschieden möchte, immer größer. Diese Entwicklung ist keineswegs beschränkt auf bestimmte Einkommensgruppen oder gesellschaftliche Schichten, und sie ist keineswegs neu.




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