Schweizer Rundfunk / 02.04.2023 von Barbara Bleisch
Geschichte eines Begriffs
Pazifismus – mehr als moralisches Heldentum?
Lässt sich der Pazifismus angesichts des brutalen Angriffskriegs auf die Ukraine noch verteidigen? Kommt darauf an, wie man ihn versteht. Eine
philosophische Einordnung.
Als Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer im vergangenen Februar zur Friedensdemonstration in Berlin aufriefen, stiess ihre Veranstaltung auf wenig Gegenliebe.
«Putinversteher!», schimpften die einen,
«Lumpenpazifismus» und
«Friedensschwurbler» andere.
Verhandlungen mit Russland zu fordern, ist derzeit sicher nicht erfolgversprechend. Darin sind sich Expertinnen und Experten einig. Bleibt also nur die Lieferung von immer schwereren Waffen, will man die Ukraine nicht ihrem Schicksal überlassen? Ist der Pazifismus in dieser Lage tatsächlich nur mehr
naives Geschwätz?
Das Gewissen bleibt rein
Wollen wir die Frage beantworten, gilt es als Erstes festzuhalten: Den einen Pazifismus gibt es nicht.
Zwar denken viele bei Pazifismus ausschliesslich an
Mahatma Gandhi (wobei der indische Freiheitskämpfer in vielerlei Hinsicht
alles andere als gewaltlos war). Oder sie verweisen auf
Jesus, der im Matthäusevangelium dazu aufruft, die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wird.
Frieden ist nicht der Normalfall
Der Kern dieses
radikalen Pazifismus ist der
bedingungslose Gewaltverzicht:
Man verweigert sich dem Gedanken der Vergeltung und weist den Gebrauch jedweder Waffe kategorisch zurück. Das Motiv ist dabei religiöser oder moralischer Natur, weshalb auch von
«Gesinnungspazifismus» die Rede ist:
«Komme, was wolle, mein Gewissen bleibt rein!»
Kriegsdienstverweigerer oder Wehrpflichtige, die sich für einen waffenlosen Dienst entscheiden, wird im Sinne der Gewissensfreiheit eine solche Haltung zugebilligt. Mehr als das: Viele beeindruckt ihre Weigerung, Teil eines barbarischen Geschehens zu werden. Stattdessen halten sie am Gewaltverbot selbst dann noch fest, wenn sie für ihre Haltung ihr Leben lassen müssten.
Der Preis für die weisse Weste
In einem Krieg stehen sich aber nicht zwei Menschen gegenüber, sondern mehrere Parteien: (Teil-)Staaten, die entscheiden müssen, wie sie ihre Bevölkerung schützen und ihre Souveränität verteidigen können. Ebenso wie Drittparteien, die den Angegriffenen entweder militärisch zu Hilfe eilen oder sie im Stich lassen können.
Die eigene moralische Integrität über alles zu stellen, selbst wenn man an Leib und Leben bedroht ist, ist das eine. Eine andere Sache ist es jedoch, den Tod
unschuldiger Dritter in Kauf zu nehmen, weil man selbst
nicht bereit ist, einen unrechten Angriff abzuwenden. Den
Preis für die
eigene weisse Weste zahlen dann
andere.
Wissenschaft gegen «Pazifisterei»
Der Vorwurf, der
Pazifismus zelebriere moralisches Heldentum
auf Kosten anderer, ist alt.
Alfred Hermann Fried, Friedensnobelpreisträger und Mitbegründer der Deutschen Friedensgesellschaft, warnte schon Ende des 19. Jahrhunderts vor einer
sentimentalen «Pazifisterei», die
nicht mehr zu bieten habe als den Slogan
«Waffen nieder!».
Fried verlangte demgegenüber einen
«wissenschaftlichen Pazifismus», der die
Ursachen von Gewalt und Krieg erforschen und
langfristige Strategien zur Friedenssicherung
entwickeln sollte.
Von den Folgen her denken
Der
Gesinnungspazifismus, der auch ein Verbot der Waffenproduktion fordert, wird in politischen Kreisen heute kaum mehr diskutiert. Im Vordergrund stehen meist Spielarten des sogenannten
«Verantwortungspazifismus», der das Tötungsverbot
nicht absolut setzt.
Vielmehr macht er die
Bewertung eines
möglichen Krieges von seinen
Folgen abhängig. In den Krieg zu ziehen ist demnach dann
zulässig, wenn die
Folgen des Krieges moralisch besser ausfallen dürften, als ihn
nicht zu führen. Diese
Position setzt freilich eine g
enaue Analyse der
Fakten voraus – und
verliert sich damit schnell in
spekulativen Risikoabwägungen.
Keine Aussicht auf Kriegsende
Nehmen wir den Konflikt in der Ukraine: Niemand wagt derzeit eine Prognose darüber, wie dieser Krieg enden könnte. Keine der beiden Parteien scheint Aussicht auf einen baldigen Sieg zu haben. Zu erwarten ist vielmehr ein nicht enden wollender Abnützungskrieg, in dem die ukrainische Infrastruktur, Wirtschaft und Natur in gigantischem Ausmass zerstört werden – ganz zu schweigen von den massenhaften Menschenopfern, Zivile wie Soldaten, Kinder, unbescholtene Bürgerinnen und Bürger.
Angst vor der nuklearen Katastrophe
Der Forderung nach immer schwereren Waffen hält deshalb nicht nur der Pazifismus, sondern auch jeder vernünftige Militärexperte die
Gefahr einer
Eskalation entgegen. Im Zentrum steht dabei vor allem die Sorge um den Einsatz von Atomwaffen. Der Philosoph Olaf Müller befürchtet etwa, dass Europa am Ende einer Kaskade von Eskalationen in Schutt und Asche liegen könnte. In seinem Essay
«Pazifismus. Eine Verteidigung» plädiert er dafür, die
Ukraine aufgrund nicht absehbarer apokalyptischer Folgen
«militärisch im Stich zu lassen».
Aufgeben als kleineres Übel
Zwar nähme man damit in Kauf, dass das überfallene Land unter russische Herrschaft käme – und wir wissen heute leider, dass Putin und seine Gefolgsleute mit äusserster Härte regieren. Müller gesteht deshalb vorbehaltlos zu, dass sein Vorschlag falsch klingt, ja er sich damit sogar «schuldig mache». Die
Fremdbestimmung durch ein anderes Land hält er aber für das
kleinere Übel im
Vergleich zu den
Folgen, die eine weitere Zuspitzung des Konflikts haben könnte.
Seinen
«pragmatischen Pazifismus» grenzt Müller dennoch scharf ab vom radikalen Gewaltverbot, wie es der Gesinnungspazifismus einfordert.
...
Der gerechte Krieg
Auch Hinsch ist allerdings der Ansicht, kriegerische Interventionen bedürften stets einer
Rechtfertigung. Bis heute wird in diesem Zusammenhang auf die
«Theorie des gerechten Krieges» zurückgegriffen, deren Wurzeln bis in die Antike reichen und die vor allem von
Thomas von Aquin, einem Philosophen des Mittelalters, ausgearbeitet wurde.
Neben einem «gerechten Grund» oder einem gerechtfertigten Anlass zur Kriegsführung («ius ad bellum») muss auch die Kriegsführung («ius in bello») bestimmte Kriterien erfüllen, damit der Krieg als gerecht bezeichnet werden kann.
Weil die Kriterien des gerechten Krieges so anspruchsvoll sind, dass sie ein militärisches Eingreifen nur äusserst selten gerechtfertigt erscheinen lassen, wird sogar diese Theorie manchmal als eine Spielart des Pazifismus vorgestellt.
Die Verrohung verhindern
Pazifistinnen und Pazifisten argumentieren aber nicht nur mit der Bedrohung eines Flächenbrands, den niemand mehr kontrollieren könnte. Sie bringen auch die weiteren und
langfristigen Folgen in die Abwägung ein:
Flüchtlingsströme, zerstörte Infrastruktur, vermintes Gelände, Kriegstraumata, die sich über
Generationen hinweg
weitervererben und einen
Nährboden für
neue Konflikte abgeben.
Der pazifistische Einsatz bestand immer schon darin, das Kriegsgeschehen nicht als sauberes Geschäft schönzureden – als liessen sich mit «smart weapons» und Präzisionsraketen Freiheit und Frieden fein säuberlich herbeibomben.
Krieg ist immer brutal und barbarisch, und wenn die Waffen erst einmal sprechen, verrohen die Menschen erst recht. Pazifisten setzen deshalb alles daran, Aufrüstung und Militarisierung einer Gesellschaft zu verhindern.
Gegen Krieg in der Kaiserzeit
Das war auch das Anliegen der österreichischen Pazifistin
Bertha von Suttner, die 1905 als erste Frau mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Sie setzt sich vehement gegen den «Bellizismus» der Kaiserzeit ein, der Kriegsführung und stehende Heere nicht nur als unabdingbar ansah, sondern den Krieg auch moralisch überhöhte.
Von Suttner
warnte eindringlich vor einer
zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft, die den
Appetit auf
kriegerische Auseinandersetzungen erst recht
wecken würde.
Friedenssicherung ist Daueraufgabe
Es sind diese gesellschaftspolitischen Forderungen und grundlegenden Überlegungen zum Krieg, die den Pazifismus auch heute noch dringlich erscheinen lassen:
Als Bemühen, die Verhältnisse in guten Zeiten zu ordnen und sich um Abrüstung und nachhaltige Friedenssicherung zu kümmern.
Immanuel Kant hat 1795 in seiner Schrift
«Zum ewigen Frieden» darauf hingewiesen, dass die Friedenssicherung gerade in ruhigen Zeiten als stete Aufgabe voranzutreiben und als Ideal politischen Handelns hochzuhalten sei. Soll das
Ideal eines
ewigen Friedens mehr sein als ein «süsser Philosophentraum» müsse der Friede
stets von Neuem
«gestiftet werden», wie Kant schreibt – eine
nie enden wollende politische Aufgabe. Denn
ebenso wenig wie
Thomas Hobbes glaubte
Immanuel Kant, dass der Mensch von Natur aus
gut sei. Mit der
Möglichkeit des
Krieges gilt es deshalb
stets zu
rechnen.
Handel allein reicht nicht
Nimmt man Kant und seine Nachfolgenden ernst,
entsteht jeder Krieg aus einem
schlecht gepflegten Frieden.
Man bediente sich grosszügig am russischen Gas, machte Geschäfte mit russischen Devisen und feierte mit viel Pomp Olympische Spiele in Sotschi.
...
Eine alte lateinische Redewendung, die sich schon bei
Platon angelegt findet, besagt:
«Si vis pacem para bellum», auf Deutsch:
«Wenn Du den Frieden willst, bereite den Krieg vor.»
In pazifistischen Kreisen kursiert der Alternativsatz:
«Wenn Du den Frieden willst, bereite den Frieden vor.»
[Links nur für registrierte Nutzer]