
Zitat von
A-Lincoln
Dein Punkt, dass man auf Machtspiele mit Macht reagieren kann, ist richtig – klassische Zero-Sum-Logik. Aber Macht ist relational, kontextabhängig und nicht automatisch wirksam. Wer nur auf Drohkulissen setzt, läuft Gefahr in eine Escalation Trap zu geraten, bei der Durchhalten riskanter wird als gedacht.
Bei Atommächten greift deine "Verhandlungsüberheblichkeit"-Formulierung zu kurz. Es geht nicht um Hybris, sondern um strategische Starrheit durch Risikoaversion. Atomwaffen verhindern eher ein Voll-Ausspielen aller Optionen, weil jeder Fehler existenzielle Folgen hätte – selektive Verhandlung, nicht Trägheit, ist die Logik.
Deine Kalter-Krieg-Beispiele stimmen teilweise, aber sie sind reduktionsistisch: Abrüstungsverträge reduzierten strategische Waffen, nicht die konventionellen Kosten, und die Budgetbelastung der Sowjetunion erklärt nicht allein den ökonomischen Kollaps. Struktur, Bürokratie, Innovationsstau – das alles wirkt zusammen.
Abnutzungstaktiken wie bei Russland können Gegner psychologisch und ökonomisch schwächen, aber nicht linear und nicht garantiert. Moral, Logistik und interne Dynamik brechen nicht immer wie kalkuliert zusammen. Hier zeigt sich Clausewitz' Maxime: Krieg ist Willens- und Unberechenbarkeitsspiel, kein Arithmetik-Experiment.
Wichtig zu betonen: Russland ist nicht die Sowjetunion. Praktisch bessere Karten. Die Kosten- und Ressourcenlage ist deutlich vorteilhafter als damals in Moskau, was jede lineare Analogie ins Stolpern bringt. Auch Durchhalten kann nach hinten losgehen. Wenn der Gegner länger durchhält, können sich psychologische, logistische und ökonomische Faktoren gegen einen selbst wenden.
Momentan deutet vieles darauf hin, dass Russland am längeren Hebel sitzt: kompakte Streitkräfte, moderne Ausrüstung, strategische Partner und eine relativ stabile Ressourcenbasis erlauben ihnen, die Abnutzungstaktik potenziell länger durchzuhalten als die Gegenseite kalkuliert.
Kurz: Macht, Zeit und Durchhalten sind Werkzeuge, keine Automatismen. Wer das vergisst, unterschätzt die komplexen Dynamiken moderner Großmächte – insbesondere bei nuklearen Arsenalen.