Auszug aus einem Dossier der Atlantik-Bruecke:
Just an dem Tag, an dem Lettland den
»gegenseitigen Beistandspakt« mit der Sowjetunion schließen musste, wurde die
finnische Regierung von
sowjetischer Seite gebeten, eine
Delegation nach Moskau zu entsenden.
Dort präsentierte Stalin auch den Finnen einen
Vertragsentwurf. Es ging dabei nicht allein um einen
»Beistandspakt«:
Finnland sollte überdies die
Halbinsel Hanko im Süden an die Sowjetunion verpachten, ihr
mehrere Inseln im
Finnischen Meerbusen überlassen und im hohen Norden bei
Murmansk einen Teil der
Fischerhalbinsel (Rybatschi) und den
Hafen Petsamo abtreten.
Die
Grenze an der
Karelischen Landenge bei Leningrad – das seit 1991 wieder St. Petersburg heißt – sollte zu
sowjetischen Gunsten 35 Kilometer nach Nordwesten
verschoben werden.
Im
Gegenzug sollte
Finnland ein
weitgehend unbesiedeltes Stück des
sowjetischen Nordkareliens erhalten.
All dies wurde vom Kreml mit der angeblich
prekären Sicherheitslage Leningrads begründet: Die
Rote Armee sehe sich nicht in der Lage, die Stadt zu verteidigen, wenn die
Grenze zu
Finnland weiterhin nur
20 bis
30 Kilometer entfernt liege. Eine Argumentation, der heute auch der Hobbyhistoriker und Stalin-Apologet Wladimir Putin folgt:
In Stalins Denken und Handeln erkannte der russische Präsident bereits 2013 bei einem Treffen mit Militärhistorikern den Versuch, historische »Fehler« bei der Grenzziehung von 1917 zu korrigieren. Damals hatte Finnland sich für unabhängig erklärt; bis zur russischen Oktoberrevolution gehörte das Großfürstentum Finnland zum Zarenreich.
Die
finnische Verhandlungsdelegation in
Moskau steht im
Herbst 1939 vor einer schwierigen Entscheidung:
»Wäre die Regierung den Gefühlen der finnischen Bevölkerung gefolgt, hätte die Antwort auf die sowjetischen Forderungen ›Nein!‹ gelautet«,
schreibt der französische Journalist Raymond Cartier in seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs von 1965. Stattdessen habe man
versucht zu
verhandeln und
zwei Inseln angeboten. Der Chef der finnischen Delegation, der spätere Staatschef Juho Kusti Paasikivi, habe äußerst geschickt agiert und Stalin sogar zum Lachen gebracht. Doch es nützt nichts. Moskau
drängt und
droht weiter.
Am 26. November 1939 provoziert die Rote Armee einen Grenzzwischenfall bei Mainila in Karelien: Ihre Soldaten seien von
finnischer Artillerie beschossen worden. Als Helsinki diese Behauptung zurückweist,
kündigt Moskau den
Nichtangriffspakt mit Finnland aus dem Jahr
1932 – und verkündet einen
neuen Nichtangriffspakt mit der vom Kreml gesteuerten
finnischen Gegenregierung des »Patrioten«
Otto Kuusinen.
Der Mitgründer der
Kommunistischen Partei Finnlands gehörte zu einer Gruppe finnischer Kommunisten, die nach der Niederlage der »Roten« gegen die »Weißen« im
Finnischen Bürgerkrieg 1918 nach
Sowjetrussland emigriert waren.
Den Mainila-Zwischenfall nimmt Kuusinens »Volksregierung« im sowjetischen Exil zum Anlass, eine Intervention der Sowjetunion zur »Befreiung« Finnlands zu fordern. So beginnt der Krieg.
In den frühen Morgenstunden des 30. November 1939 überqueren Stalins Divisionen die Grenze. Sowjetische Kampfflugzeuge bombardieren Helsinki. Eine formelle Kriegserklärung gibt es nicht. Finnische Angebote, über einen Waffenstillstand zu verhandeln, laufen ins Leere. Stalin ist entschlossen, den Finnen mit Gewalt zu
nehmen, was sie ihm in den Verhandlungen
nicht zu geben bereit waren.
...
Atlantik-Brücke.org (PDF-Dossier)
Molotow lässt grüßen
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