Der Spiegel / Archiv / 11.10.2018 von Corina Kolbe
Diktatorengattin Jiang Qing "Ich war Maos Hund"
Chinas Großer Vorsitzender Mao Zedong erlag ihren Verführungskünsten - und machte Schauspielerin Jiang Qing zur mächtigsten Frau im Land. Bei der Bevölkerung verhasst, räumte sie ihre Gegner brutal aus dem Weg. Wie eine
Furie bellt Jiang Qing ins Mikrofon. Immer wieder ballt sie die Faust,
hasserfüllt blitzen ihre
Augen hinter den Brillengläsern hervor. Es ist 1966, das Jahr, in dem Chinas Großer Vorsitzender Mao Zedong zur Kulturrevolution aufgerufen hat. Und seine
Ehefrau Jiang Qing will
selbst an die
Macht. Die Frau, die sich als
Maos "Sprachrohr" sieht, führt bald einen
unerbittlichen Vernichtungsfeldzug in der Öffentlichkeit.
Alle
Relikte der Vergangenheit sollen
verschwinden. Bücher landen auf dem Scheiterhaufen, Denkmäler werden umgestürzt, traditionelle Opern und Theaterstücke verboten. Zahlreiche Intellektuelle, Professoren und Lehrer kommen an den Pranger und werden zu Tode gefoltert. Zu dieser Zeit ist Jiang Qing (gebürtig:
Li Shumeng) bereits seit fast
30 Jahren mit Mao verheiratet. Als drittklassige Schauspielerin hatte sie in Shanghai vor allem durch
Affären mit Männern für Aufsehen gesorgt. Als sie dann den Großen Vorsitzenden Mao im Hauptquartier der Kommunistischen Partei in Yan'an becircte, erlag auch er bald ihrem Charme. Die anderen Frauen um ihn herum trugen kurzes Haar und Kampfanzüge. Die vergnügungssüchtige Jiang Qing dagegen schminkte sich und wollte tanzen gehen.
Den anderen Genossen war das junge Starlet ein Dorn im Auge. Doch Mao setzte sich durch. Er ließ sich von seiner damaligen Frau scheiden und heiratete 1939 die
aparte Schönheit. Er gab ihr den Namen
Jiang Qing, was so viel bedeutet wie
"grüner Fluss". Sie war 24, Mao fast doppelt so alt.
"Er war die Vaterfigur, die sie nie hatte", erklärt der Biograf Ross Terrill in der kürzlich ausgestrahlten ZDF-Dokumentation
"Madame Mao - Aufstieg und Fall der Jiang Qing". Ihr echter Vater, ein
gewalttätiger Alkoholiker, hatte sie als Kind schwer misshandelt. Seitdem war sie fieberhaft auf der Suche nach Anerkennung. Und ergriff jede Gelegenheit, um andere Leute auf sich aufmerksam zu machen.
Von Mao betrogen
Die
Kommunisten in Yan'an verlangten für ihre Zustimmung zu der Ehe einen für Jiang Qing enorm hohen Preis. Mindestens
20 Jahre lang sollte sie nicht gemeinsam mit ihrem Mann in der Öffentlichkeit auftreten. Jegliche
politische Betätigung war ihr ebenfalls verwehrt. Immerhin erreichte sie, dass im Hauptquartier der Kommunisten fortan getanzt werden durfte. Auch Liebeslieder aus Hollywoodfilmen wurden gespielt. Ihr Gatte Mao kümmerte sich aber
wenig um sie. Stattdessen ging er mit
anderen Frauen ins Bett.
Derart gedemütigt entwickelte Jiang Qing immer
größere Machtgelüste und einen wachsenden Hass auf weibliche Konkurrenz. Die Rolle der braven Ehefrau im Hintergrund passte ihr nicht, zumal Mao sie zunehmend links liegen ließ. Spätestens in den Fünfzigerjahren war ihre Liebe längst erloschen.
"Doch sie hatte keine Wahl, sie konnte nirgends hin", erläutert Biograf Terrill.
"Peking war ihre letzte Station. Und sie war in guten wie in schlechten Zeiten in dieser Ehe mit Mao Zedong gefangen."
Rachefeldzug Kulturrevolution
...
Jiang Qing sollte ihm dabei helfen, während der
Kulturrevolution verhasste Gegner zu
beseitigen. Sie sah nun ihre Chance gekommen, als Maos Verbündete endlich im
politischen Scheinwerferlicht zu stehen. Dazu musste sie die Kultur
zerstören, die ihr früher viel bedeutet hatte.
Wer die alten Formen von Oper, Theater, Musik und Film liebe, sei
kein guter Kommunist, erklärte sie. Bereits Anfang der Sechzigerjahre hatte sie begonnen, sogenannte
Modellopern zu schreiben.
Kommunistische Helden siegten in diesen Stücken stets über
kapitalistische Schurken...
"Sex funktioniert nur am Anfang"
Ihre uneingeschränkte Kontrolle über die chinesische Kultur verschaffte ihr in der Öffentlichkeit eine Position, die sie immer angestrebt hatte. Maos Aufmerksamkeit brauchte sie dafür nicht mehr.
"Sex funktioniert nur am Anfang. Auf Dauer ist es Macht, die das Interesse am Leben hält", meinte sie.
Auf Geheiß von Mao und Jiang Qing verbreiteten Kämpfer der
"Roten Garden" Angst und Schrecken. Auch ehemalige Weggefährten, die inzwischen in Ungnade gefallen waren, wurden durch deren
Schnellgerichte zum
Tode verurteilt.
...
"Ich habe Jiang Qing einmal als 'Rachegöttin' bezeichnet", sagt der Biograf Ye Yonglie.
"Sie war sehr kleinlich und ein Leben lang ausgesprochen nachtragend. Als sie an die Macht kam, zahlte sie es allen heim."
"Dämon mit weißen Knochen"
Ihr blinder Hass richtete sich unter anderem gegen die Frau von Liu Shaoqi, der 1959 an Maos Stelle als Staatspräsident eingesetzt wurde. Wang Guangmei, die bei einem Staatsbesuch in einer engen Robe aufgetreten war, wurde nun in diesem Kleid und mit Stöckelschuhen einem aufgebrachten Mob in Peking vorgeführt. Um den Hals musste sie eine Kette aus Ping-Pong-Bällen tragen. Wang Guangmei kam für zwölf Jahre ins Gefängnis, ihr Mann starb in der Haft.
Die beim Volk
verhasste "Madame Mao" wurde immer mächtiger und kam als
erste Frau in das
Politbüro. Der Plan, ihren Mann im Amt zu beerben, ging jedoch nicht auf: Nach Maos Tod am 9. September 1976 wurde Jian Qing selbst Opfer ihrer Gegner, allen voran Deng Xiaoping, der bis 1997 über China herrschen sollte.
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