National Geographic / 6. Apr. 2020 von Erin Blakemore
Was nutzten Menschen vor Erfindung des Toilettenpapiers?
Unseren Vorfahren mangelte es vielleicht an Toilettenpapier, nicht aber an Einfallsreichtum.
In den USA begann die Massenproduktion von Toilettenpapier im Jahr 1857. Vor dieser Annehmlichkeit nutzten die
Menschen rund um die Welt
verschiedenste Gegenstände und
Materialien, um sich nach dem Toilettengang zu säubern.
In Zeiten der Corona-Krise tritt ein essenzielles Gut aus dem Schatten der Nichtbeachtung hervor und erfreut sich einer kaum gekannten Beliebtheit. Ah,
Toilettenpapier!
Das weiße Gold. Die Verkörperung der Binsenweisheit, dass man manche Dinge erst zu schätzen weiß, wenn sie nicht mehr da sind.
Aus der Not heraus oder aus purer Neugier mag sich der ein oder andere dieser Tage fragen, was Menschen eigentlich machten, bevor sie 24er-Packungen extraweicher, dreilagiger Papierblättchen kaufen konnten. Auch heute noch gibt es weltweit hunderte Millionen Menschen, die entweder aus Mangel oder aus Gewohnheit auf Toilettenpapier verzichten und ihr Geschäft mit Wasser statt Papier abschließen. Neugierige Archäologen haben sich die Hände schmutzig gemacht, um herauszufinden, welche einfallsreichen Methoden unsere Vorfahren nutzten, um sich den Hintern sauber zu halten.
Wer sich im alten Rom auf einer öffentlichen Latrine erleichterte, benutzte womöglich ein
„Xylospongium“, um sich danach zu
säubern. Das Gerät bestand aus einem
Stock, an dessen Ende
ein Schwamm steckte, der mit einer
Essig- oder
Salzwasserlösung getränkt war. In der römischen Literatur finden solche Objekte des Öfteren Erwähnung, unter anderem in einem grauenhaften und unvergesslichen Abschnitt eines Briefes, den der Philosoph Seneca an den römischen Beamten Lucilius schrieb. Darin beschreibt er den Selbstmord eines germanischen Gladiators.
Dieser rammte sich lieber einen Stock mit einem Schwamm, „der den abscheulichsten Zwecken diente“, in den Hals, als hinaus in die Arena zu gehen und sich von einem wilden Tier zerfleischen zu lassen.
Antiken Quellen zufolge nutzten die Römer einen Stock mit einem Schwamm, ein sogenanntes Xylospongium.
Archäologen sind sich allerdings
nicht ganz sicher, ob der Nutzer damit sich
selbst oder die
Latrine säuberte.
Das gemeinschaftlich genutzte Xylospongium beeinflusste vermutlich sogar das Design der öffentlichen Latrine jener Zeit. In Ephesos gab es kleine Tröge zu Füßen der öffentlichen Latrinen, durch die vermutlich unentwegt Wasser floss – eine gute Möglichkeit, um das Xylospongium zu reinigen. Bisher haben Archäologen aber noch kein erhaltenes Exemplar entdeckt. „Die Frage ist auch: Benutzt man es, um sich selbst zu reinigen oder um die Latrine zu reinigen?“, sagt die Archäologin Jennifer Bates, eine Forscherin am Penn Museum der University of Pennsylvania.
Keramikscherben oder
„Pessoi“ wurden von den alten Griechen und Römern wie Toilettenpapier benutzt. Archäologen gruben diese fast 2000 Jahre alten Pessoi in römischen Latrinen in Sizilien (links) und auf Kreta (links) aus.
Diese Frage ist noch nicht abschließend geklärt. Aber immerhin haben Archäologen Überreste von „Pessoi“ entdeckt – dem bescheidenen griechischen und römischen Äquivalent zum Toilettenpapier. Pessoi sind kleine ovale oder runde Steine oder Keramikscherben, die in den Ruinen alter römischer und griechischer Latrinen entdeckt wurden. Sogar auf einem 2.700 Jahre alten Trinkgefäß wurden sie verewigt: Darauf zu sehen ist ein Mann, der im Hocken von seinem Stein Gebrauch macht. Auch im Talmud finden die Pessoi Erwähnung.
1992 entdeckten Archäologen im Nordwesten Chinas in einer alten Latrine an der ehemaligen Seidenstraße einen anderen kreativen Vorgänger des Toilettenpapiers. Es handelte sich um sogenannte
„Hygienestöcke“ –
Holz- oder
Bambusstöcke, die mit
Tüchern umwickelt waren und wohl der Säuberung dienten. Der Stoff an den 2.000 Jahre alten Stöcken waren augenscheinlich mit menschlichen Exkrementen beschmiert, und eine mikroskopische Analyse der Fäkalien bestätigte, dass sie eine Reihe von Parasiten enthielten, die man im menschlichen Darm finden kann.
„Sie wurden in dem sehr spezifischen Kontext einer Latrine gefunden und die Parasiten an ihnen können nur von einem Menschen stammen“, sagt Bates. „Sie wurden also definitiv auch im Kontext dieser Latrine benutzt.“
Dieser Befund wird auch von historischen Texten gestützt, die auf
Stöcke und
Spatel verweisen, die im alten China und Japan benutzt wurden.
Auch im Bereich
Toilettenpapier war
China allen anderen voraus. Der früheste Verweis darauf findet sich in den Aufzeichnungen von
Yen Chih-Thui. Der Gelehrte aus dem
6. Jahrhundert hatte offenbar Zugang zu entsorgten Manuskripten, schrieb aber, dass er es nicht wage, sich „mit den Namen von Weisen“ abzuputzen. Eine ähnliche Papiernutzung scheint aber schon deutlich älter zu sein. Forscher vermuten, dass
Hanfpapier, wie es im Grab des
Kaisers Wu Di aus dem
zweiten Jahrhundert gefunden wurde, auf Latrinen benutzt wurde, da es zu rau und grob war, um darauf zu schreiben.
Ab
1393 wurde
Toilettenpapier auf
Reisbasis für die chinesische Kaiserfamilie massenproduziert. Im Westen dauerte es hingegen bis
1857, bis das erste massenproduzierte Toilettenpapier verfügbar war. In jenem Jahr brachte der Erfinder Joseph Gayetty sein „Medizinisches Papier fürs Wasserklosett“ auf den Markt, um die amerikanischen Hintern vor
Zeitungen, Maisblättern, Versandhauskatalogen und anderen
Provisorien zu retten.
Auch für Hamsterkäufe von Toilettenpapier gibt es historische Präzedenzfälle. 1973 begannen japanische Frauen damit, große Mengen Toilettenpapier zu kaufen. Teils bildeten sich lange Schlangen vor den Läden. Dieses Kaufverhalten war die Folge wachsender Angst in der japanischen Mittelklasse, dass die Nachkriegshoffnungen auf Frieden, Stabilität und ökonomische Mobilität durch Inflation, Umweltprobleme und die Ölkrise zunichte gemacht würden, erklärt Eiko Maruko Siniawer, eine Geschichtswissenschaftlerin am Williams College.
„Zum ersten Mal seit den späten 1950ern schien nicht mehr sicher zu sein, dass die Zukunft besser sein würde als die Vergangenheit“, so Siniawer.
Auch in den USA sorgten die japanischen Hamsterkäufer für Besorgnis, sodass sogar ein Kongressabgeordneter aus Wisconsin sich zu einem Statement bezüglich eines potentiellen Engpasses hinreißen ließ. Als ein Komiker danach noch in der „Tonight Show“ einen Witz darüber machte, löste das eine
kurzfristige Toilettenpapierpanik aus.
„Für mich als Historikerin ist es wichtig, nicht einfach über die Entscheidungen und Handlungen der Menschen zu lachen, sondern darüber nachzudenken, warum sie so handelten“, sagt Siniawer. Für sie sind die Toilettenpapier-Panikkäufe von 1973 ein Fenster in das Leben der japanischen Frauen jener Zeit. Genauso könne die Erforschung früherer Toilettengewohnheiten laut Bates Einblicke in alle möglichen Themen eröffnen, von interkulturellen Differenzen bis zu Themengebieten wie Gender, Geld und Gesundheit.
„Aus einer anthropologischen Perspektive können wir untersuchen, wie [Toilettengewohnheiten] den Weg aus der menschlichen Vergangenheit in die Gegenwart und schließlich in die Zukunft prägten“, sagt Bates.
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