Die WELT / 24.04.2009
Zweiter Weltkrieg
US-Militärhilfe – Stalins amerikanische Laster
Gemeinsam gegen Hitler:
Während des Zweiten Weltkrieges lieferte die USA wichtiges Kampfmaterial an die Russen, auch den
fahrbahren Untersatz für die
"Stalinorgel". Im Zuge des Kalten Krieges wurde dieser Aspekt der Zusammenarbeit verdrängt. Nun kann man sich darüber nochmal ausführlich informieren.
Ihr mörderisches Pfeifen fürchteten Millionen deutsche Soldaten und Zivilisten im Zweiten Weltkrieg. Denn wo die Geschosse der
sowjetischen Raketenwerfer vom Typ
Katjuscha einschlugen, herrschten binnen Sekunden Tod und Zerstörung. Als
„Stalinorgel“ wurde dieser physisch, vor allem aber psychologisch enorm wirksame, dabei zugleich
einfache und
billige Artillerie-Ersatz in Deutschland berüchtigt.
Doch selbst eine solch Furcht einflößende Waffe war wertlos, wenn sie nicht schnell von Frontabschnitt zu Frontabschnitt verlegt werden konnte. Doch an geeigneten Lastern aus eigener Produktion
mangelte es in der Sowjetunion. Also wurden die
Katjuscha-Gestelle auf die Ladefläche
amerikanischer Transporter vom
Typ Studebaker geschraubt. Erst dank seines Allradantriebs waren die Stalinorgeln so mobil, dass sie zur entscheidenden Waffe an der Ostfront wurden.
Amerikanische Lastwagen im
Dienst der Roten Armee – das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch.
Mehrere
zehntausend „Studebakers“ lieferten die USA ab
1941 in die Sowjetunion, im Rahmen des
„Leih- und Pacht-Gesetzes“, mit dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt bereits im
Frühjahr 1941 die damals gültigen Rüstungsexport-Beschränkungen der (noch) neutralen USA zu
umgehen begann.
Roosevelt, der schon 1933 die Gefährlichkeit Hitlers erkannt hatte, wollte Großbritannien gegen die deutsche Militärmaschinerie unterstützen. Doch genau das lehnte die isolationistische Mehrheit in den USA ab. Also wählte Roosevelt den sophistischen Trick, Waffen
nicht zu
verkaufen, sondern zu
verleihen oder zu
verpachten. Als dann die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, bis dahin ein Verbündeter des Deutschen Reiches, konnte das Modell
„Leih und Pacht“ übertragen werden.
Bedeutende Hilfe
„Zusammenarbeit für den Sieg“ ist der Titel der Ausstellung, die jetzt im Deutsch-russischen Museum in Berlin-Karlshorst eröffnet wurde. Die Schau über die Rüstungslieferungen der USA an die Sowjetunion wurde vom Zentralen Museum des Großen Vaterländischen Krieges in Moskau erarbeitet und demonstriert erstmals in publikumswirksamer Form, wie bedeutend diese Hilfe tatsächlich war.
Und was für eine logistische Meisterleistung.
Anfangs fuhren die US-Geleitzüge mit
Lastwagen, Jeeps, Lokomotiven und allen möglichen anderen
rüstungsrelevanten Industrieprodukten noch über den Atlantik und das Nordmeer nach
Murmansk. Eine kurze, aber gefährliche Strecke, denn hier
patrouillierten deutsche U-Boote und
versenkten zahlreiche Frachter.
Richtig in Gang kam die Zusammenarbeit erst, als
zwei andere Transportrouten die Hauptlast übernahmen: entweder von
New York über den
Südatlantik und durch die Stürme am Kap der Guten Hoffnung in den Indischen Ozean und den Persischen Golf ins damaligen
Persien. Oder von der
US-Westküste quer über den Pazifik nach
Wladiwostok.
Diese Strecken befuhren ganz überwiegend Schiffe unter sowjetischer Flagge (die nicht selten in den USA gebaut worden waren), denn sie waren nicht durch Angriffe japanischer U-Boote gefährdet. Die ebenfalls
massenhaft gelieferten
Flugzeuge wurden eingeflogen; vielfach übernahmen Pilotinnen die Strecken über den Atlantik und übergaben ihre Maschinen erst in
Nordafrika an Männer, die den letzten Teil der Strecke in den
Kaukasus flogen. Allein über die
Route Alaska-Sibirien sollen mehr als
8000 Maschinen transportiert worden sein. Insgesamt erhielt die
UdSSR für
elf bis
zwölf Milliarden Dollar Waffenhilfe nach dem „Leih und Pacht“-Gesetz.
Das entspräche
mehr als zehn Prozent der sowjetischen Gesamtproduktion, schätzen Historiker.
Die Ausstellung zeigt ehrlich wie nie zuvor die Bedeutung dieser Lieferungen für die Sowjetunion. Im Zuge des Kalten Krieges war dieser Aspekt der Zusammenarbeit in der Anti-Hitler-Koalition verdrängt worden. Stalin verschwieg die Lieferungen, auf dass der Ruhm seiner Truppen nicht angekratzt werde; in den USA galt die Unterstützung des nunmehrigen Feindes auch nicht mehr als besonders gute Idee. Immerhin blieben die Stalinorgeln auf den Studebakers noch für mehrere Jahrzehnte beängstigende Waffen.
Ein fast unbekanntes Kapitel
Mit viel Material wird dieses fast unbekannte Kapitel der Geschichte des Zweiten Weltkriegs beleuchtet. Allerdings können bestimmte zentrale Fragen nicht beantwortet werden: Welche objektive Bedeutung hatten die Materiallieferungen? Wäre die Rote Armee, die im Herbst 1941 der Wehrmacht hoffnungslos unterlegen war, ohne die amerikanischen Laster und die Güterzug-Loks vielleicht doch besiegt worden? Sichere Antworten kann es hier nicht geben, doch spricht die Tatsache, dass sowjetische Soldaten unter horrenden Verlusten, aber noch ohne nennenswerte Unterstützung aus den USA, im Dezember 1941 den Vormarsch deutscher Panzer knapp vor Moskau aufhielten, gegen die These vom unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Sowjetunion.
Andererseits steht fest, dass die Kriegswende in Stalingrad 1942 so nicht stattgefunden hätte ohne das „Leih- und Pacht“-System, und ebenso wenig der Vormarsch der Roten Armee durch die vormals besetzten Gebiete der Sowjetunion 1943/44 und durch Polen 1944/45. Der Krieg hätte wohl länger gedauert – was aber angesichts der dann sicher früher möglichen alliierten Invasion im Westen wohl dazu geführt hätte, dass Stalin seinen Machtbereich nicht bis an die Elbe hätte vorschieben können.
In der gespannten Situation des Herbstes 1941 war Roosevelts Entscheidung zugunsten der Unterstützung der Sowjetunion sicher rational und sinnvoll; im Rückblick sieht das freilich anders aus. Diesen Aspekt beleuchtet die Ausstellung allerdings kaum.
Auf dem Freigelände des Deutsch-russischen Museums, das aus dem 1967 eröffneten „Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg“ entstanden ist, steht übrigens auch eine Stalinorgel. Doch an diesem für den Ostblock so besonders wichtigen Ort wurde nicht das Standardmodell mit dem US-Laster „Studebaker“ als Lafette aufgestellt, sondern ein Exemplar des sowjetischen Lastwagenmodells ZiS-151. Diese Kombination aber wurde erst nach der deutschen Kapitulation in Karlshorst überhaupt ausgeliefert.
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