Israelnetz / 13.12.2022
Energiepolitik
Israel hört Europas Schrei nach Gas
Vor Israels Küste ruht jede Menge Erdgas. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs lechzt Europa nach diesem Stoff. Israel kann ein Baustein für die Energieversorgung werden. Angesichts der Krise infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine suchen Deutschland und andere europäische Länder auch in Israel nach Alternativen für die Energieversorgung. Bis 2027 will die Europäische Union unabhängig von russischen Energieimporten werden. Mitte Juni hat der Staatenverbund zu diesem Zweck eine Absichtserklärung mit dem jüdischen Staat und Ägypten vereinbart. Die Vorkommen in israelischen Erdgasfeldern wie Leviathan sollen den europäischen Gasmarkt bereichern.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nannte die Absichtserklärung einen „großen Schritt nach vorne bei der Energieversorgung Europas“. Die israelische Energieministerin Karine Elharrar (Jesch Atid) schwärmte davon, dass „das kleine Israel ein signifikanter Akteur im globalen Energiemarkt“ geworden sei. Experten schätzen, dass Israel damit etwa
280 Millionen Euro an jährlichen Einnahmen winken.
Pläne durchkreuzt
Der Jubel der Ministerin ist verständlich, doch restlos begeistert wird sie angesichts der Entwicklungen nicht gewesen sein. Noch Ende vergangenen Jahres war sie es, die die
Lizenzvergabe für Gaserkundungen für das Jahr 2022
einfror. Die Regierung wollte stattdessen den Fokus auf Erneuerbare Energien legen. Dann kam am 24. Februar der russische Angriff auf die Ukraine. „Als ich das Ausmaß der Krise begriff, sagte ich, dass wir es nicht länger beiseite schieben können“, erklärte Elharrar dem israelischen Verteilblatt „Israel Hajom“ ihren Sinneswandel. „Es wurde klar, dass es einen weltweiten Bedarf geben würde.“ Dogmatismus sei in solch einer Lage fehl am Platz, Entscheidungen könnten auch revidiert werden. „Dennoch ist die Welt des Erdgases nicht die Zukunft – es ist die Welt der Erneuerbaren Energien.“
Jede Lieferung hilft
Die EU wird ebenfalls ihre klimapolitischen Ziele – „Klimaneutralität“ bis 2050 – nicht aus den Augen verlieren. Doch auch für Brüssel stehen vorerst praktische Lösungen im Vordergrund. Zahlen nennt die Absichtserklärung nicht, aber ein EU-Sprecher gab einen Wert von zunächst bis zu 10 Milliarden Kubikmeter im Jahr 2023 an. Das wären dann 2,9 Prozent der EU-Gesamtimporte des Jahres 2021, die sich auf 344 Milliarden Kubikmeter beliefen.
Ein kleiner Anteil also, aber angesichts des europäischen „Schreis nach Erdgas“ (so formuliert es die israelische Wirtschaftsseite „Globes“) hilft jeder Beitrag. Schon bis Ende dieses Jahres sind insgesamt 7 Milliarden Kubikmeter an Erdgaslieferung geplant, 2 mehr als ursprünglich vorgesehen. Und die Mengen sollen in den kommenden Jahren signifikant steigen. Dabei hilft auch, dass sich Israel und der Libanon nach langem Streit im Oktober auf eine Seegrenze geeinigt haben. Die Einigung ermöglicht es Israel, das Gasfeld
Karisch zu erschließen, ohne einen Angriff aus dem Libanon fürchten zu müssen.
Die einzige Möglichkeit für den Transport des Erdgases ist aktuell der Weg über Ägypten. Dort wird das Erdgas verflüssigt – in Israel fehlen dafür die Anlagen. Das Produkt wird dann nach Europa verschifft. Der Transport von Israel nach Ägypten erfolgt über eine Unterwasserleitung von Aschkelon zum Sinai. Im März 2021 haben sich Ägypten und Israel auf den Bau einer zweiten Pipeline direkt vom Gasfeld Leviathan verständigt. Mit diesem Bau und anderen angedachten Vorhaben sollen Israel und Ägypten in den kommenden Jahren zusammen bis zu 30 Milliarden Kubikmeter pro Jahr exportieren können (8,7 Prozent der EU-Importe von 2021).
...
Mit der Entdeckung der Gasfelder begannen für Israel aber erst die Herausforderungen: Die bislang recht energielosen Israelis hatten wenig Expertise bei der Erschließung von Gasfeldern im Meer. Sie holten daher ausländische Firmen wie
Noble aus
Texas ins Boot; größere Unternehmen wollten damals nicht, aus Furcht vor einem Boykott der Araber. Hinzu kamen einige bürokratische Hürden, so dass die Förderung von Leviathan erst Ende 2019 begann, mehr als neun Jahre nach der Entdeckung.
Inzwischen ist Israel längst nicht allein mit derartigen Funden: Einschlägige Unternehmen haben im
gesamten östlichen Mittelmeer eine Reihe von Vorkommen ausgemacht; neben
Israel zählen
Ägypten, der
Libanon und
Zypern zu den Profiteuren. Erst im Jahr 2015 kam das Zohr-Feld in ägyptischen Gewässern dazu, das
doppelt so groß ist wie Leviathan.
Insgesamt lagern in dem Gebiet etwa 10.800 Milliarden Kubikmeter, auf Israel entfallen etwa 1.000 Milliarden Kubikmeter – je nachdem, was weitere Bohrungen ergeben, könnte sich der Wert für Israel noch verdreifachen. Im Vergleich reichen diese Werte längst nicht an Russland heran, das Schätzungen zufolge mehr als
37.000 Milliarden Kubikmeter an
Erdgasvorkommen hat. Aber das Vorkommen im östlichen Mittelmeerraum könnte die Energieversorgung der EU in den kommenden
zwei Jahrzehnten sicherstellen, sofern diese nötig ist.
Nachgewiesene Erdgasvorkommen
Quelle: BP Statistic Review of World Energy 2021
Land / Milliarden Kubikmeter (bcm) / Globaler Anteil (%)
Russland / 37.400 / 24,3
Iran / 32.100 / 17,1
Katar / 24.700 / 13,1
Saudi-Arabien / 6.000 / 3,2
Emirate / 5.900 / 3,2
Ägypten / 2.000 / 1,1
Israel / 600 / 0,3
Als „nachgewiesen“ gelten Vorkommen, wenn sie mit einer hohen Wahrscheinlichkeit (über 90 Prozent) wirtschaftlich erschlossen werden können. Daneben gibt es noch „vermutete“ und „mögliche“ Vorkommen.
Komplizierte Routenplanung
Aktuell besteht die größte Herausforderung darin, geeignete Transportwege zu schaffen. Der Weg über Ägypten mittels Verflüssigung und Verschiffung ist teuer. Als günstiger und stabiler gilt eine Pipeline – nur welche? In den vergangenen Jahren haben Israel, Zypern und Griechenland die sogenannte
EastMed-Pipeline vorangebracht.
Alles sah danach aus, dass sie bis
2025 fertiggestellt werden kann. Anfang
2022 entzogen die
USA aber ihre
Unterstützung; damit galt das Projekt als praktisch
gescheitert.
Offiziell gaben die Amerikaner
Klimabedenken zu Protokoll: Angesichts der Hinwendung zu Erneuerbaren Energien lohne sich das Projekt nicht. Doch unter der Hand ging es wohl auch um eine diplomatische Aufwertung der Türkei. Präsident Recep Tayyip Erdogan ist die Pipeline ein Dorn im Auge, weil er sein Land gerne als Energieknotenpunkt sähe. Zudem gibt es einen
Streit mit
Griechenland um Hoheitsgebiete im Mittelmeer, der im Jahr 2020
fast zum
Krieg eskaliert wäre.
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