MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 05. September 2018 von Cezary Bazydło und Denis Kliewer
Das Ende der Romanows: Der Mord an der letzten Zarenfamilie
Mehr als 100 Jahre nach der Ermordung der Zarenfamilie Romanow kann immer noch kein Punkt hinter die Geschichte gesetzt werden. Heute sind zwar alle Überreste der Familie geborgen, doch manche Vertreter der Russisch-Orthodoxen Kirche äußern Zweifel an deren Identität. Viele orthodoxe Würdenträger sind nämlich fest davon überzeugt, dass die Familie des letzten russischen Zaren einem rituellen Mord zum Opfer fiel!
Es ist Mitte Juli 1918, die Nächte sind kalt in Sibirien. Alexandra, die Zaren-Gattin, notiert penibel in ihrem Tagebuch, dass die Familie bei 15 Grad in ihrem Arrest friert. Es sollte ihr letzter Eintrag sein. Denn schon wenige Stunden später sind sie, ihr Mann, der 14-jährige Thronfolger Aleksej und dessen ältere Schwestern Anastasia, Olga, Tatjana und Maria tot.
Zar wird im Ersten Weltkrieg zur Hassfigur
Im März 1917 dankt Nikolaus II. ab. Aus dem mächtigen "Alleinherrscher aller Russen" wird der gewöhnliche Bürger Nikolai Romanow. Das Volk ist im siebten Himmel, denn der Erste Weltkrieg, der bereits seit drei Jahren andauert, hat den Zaren zu einer Hassfigur gemacht. Der Herrscher und seine Familie werden unter Hausarrest gestellt, dürfen aber zunächst in ihrem Luxus-Palais in Zarskoje Selo bleiben und ihre Dienerschaft behalten. Ein goldener Käfig gewissermaßen! Später wird die Familie in die Provinzstadt Tobolsk verlegt.
In dieser Zeit behandelt man die Gefangenen noch anständig und respektvoll. Doch das ändert sich nach der
Oktoberrevolution 1917. In Russland bricht ein
blutiger Bürgerkrieg aus.
Auf der einen Seite stehen die
Bolschewiki, die radikalen Sozialisten, die unter der Führung Lenins eine "Diktatur des Proletariats" installieren wollen, auf der anderen Seite die so genannten
Weißen, also Anhänger der alten Ordnung. Im Frühjahr 1918 bringen die
Bolschewiki Nikolaus und seine Familie nach Jekaterinburg im Ural. Es ist eine der zarenfeindlichsten Regionen Russlands. Als die Romanows am Bahnhof von Jekaterinburg aus dem Zug steigen, werden sie beinahe gelyncht.
Nikolaus II. in Jekatarinburg – völlige Isolation
In Jekaterinburg wird die Zarenfamilie in der Ipatjew-Villa (benannt nach deren letztem Besitzer) isoliert. Die Bolschewiki haben einen anderen Namen für die neue Bleibe von Nikolaus II.: das "Haus zur besonderen Verwendung". Und dieser Name passt in der Tat besser. Die Romanows werden fast vollständig von der Außenwelt abgeschottet. Das Gebäude ist von einer meterhohen Doppelpalisade umgeben. Ein kurzer Freigang im Garten ist nur einmal am Tag möglich, und manchmal wird auch der gestrichen. Im Haus ist es dunkel und stickig, weil die Fenster blickdicht übertüncht sind und nicht geöffnet werden dürfen. Die Lebensmittel werden rationiert, und die jungen Zarentöchter müssen sich zahllose obszöne Bemerkungen von ihren Bewachern gefallen lassen. Für die an Luxus und Ehrerbietung gewöhnte Familie muss das die Hölle gewesen sein.
Eine Hölle, die erst in der Nacht vom 16. zum 17. Juli 1918 ein grausames Ende findet. Die Weißen, die im russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki kämpfen, sind bis kurz vor Jekaterinburg vorgerückt. Die Bolschewiki wollen um jeden Preis verhindern, dass die Zarenfamilie befreit wird. Was sich damals zugetragen hat, hat einer der Hauptakteure der Nachwelt berichtet:
Jakow Jurowskij, der
Kommandant des Hauses und
Leiter des
Erschießungskommandos.
Blutbad im Keller
Jurowskij soll bis zu seinem Tod 1938 stolz gewesen sein, die Ermordung der Zarenfamilie verantwortet zu haben. In seinem Bericht beschrieb er ausführlich, wie die Romanows und ihre Dienstleute in den Keller geführt werden, unter dem Vorwand, es sei zu ihrem eigenen Schutz, da es in der Stadt Unruhen gebe. Dort ist bereits ein Zimmer vorbereitet. Das Erschießungskommando wartet im Nebenraum: mit Revolvern. Als sich die Familie wie befohlen für ein angebliches Foto in einer Reihe aufstellt, stürmen die Henker hinein. Jurowskij verliest ein kurzes
Urteil. Der Zar hat gerade noch die Zeit, verdutzt zu fragen
"Was?" – da fallen schon die ersten Schüsse.
Mehrere Minuten soll das Blutbad gedauert haben, auch deshalb, weil die Zarentöchter unter ihren Kleidern versteckt noch Reste des
Familienschmucks tragen. Schmuck mit
Brillanten, die härter sind als Stahl. Die Kugeln prallen daran ab. Die Zarentöchter müssen deshalb mit
Bajonettstichen ins Jenseits befördert werden. Doch der schwierigste Teil der Operation beginnt erst nach der Ermordung der Zarenfamilie.
Mörder der Zarenfamilie wollen keine Spuren hinterlassen
Die Körper der Erschossenen werden auf einen LKW geladen und in eine verlassene Mine gebracht, etwa 17 Kilometer von Jekaterinburg entfernt. Dort werden die Toten entkleidet, der Schmuck sichergestellt und die Leichen in die Grube geworfen. Doch die Mörder haben Angst, die Leichen könnten dort später gefunden werden. Daher beschließen sie, die Überreste der Romanows zu noch
tieferen Mienen in der Nähe zu fahren. Doch als auf halber Strecke der Lastwagen stecken bleibt, entscheiden sie, die Leichen teils zu verbrennen und teils direkt im schlammigen Waldweg zu vergraben.
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