Zitat:
Aus Deutschland nach Nigeria abgeschoben
"Das ist nicht mehr mein Land, es ist wie die Hölle"
...
Es ist ein sengend heißer Nachmittag mit hoher Luftfeuchtigkeit. Die 39-jährige Jennifer öffnet die Tür zu dem Ort, an dem sie vorübergehend zu Hause ist: Eine dunkle, stickige Wohnung in einem nördlichen Vorort von Benin City, einer von Nigerias größten Städten.
Prince, ihr dreijähriger Sohn, fängt an zu weinen, als er den weißen Reporter und den Fotografen nach seiner Mutter eintreten sieht, während Emmanuel, der sechs Jahre alt ist, schnell wegrennt. "Es ist wegen der deutschen Polizei, sie haben jetzt Angst vor weißen Männern"...
Im Jahr 2016 landeten 37.500 Nigerianer allein in Italien. Sie bildeten die Mehrheit derjenigen, die damals eine Überquerung des Mittelmeeres überlebt hatten. Laut EASO, der EU-Asylbehörde, hat Deutschland zwei Jahre später Italien als Hauptziel nigerianischer Asylbewerber abgelöst. Doch ein Großteil darf nicht bleiben: Im Jahr 2019 wurde lediglich 6,8 Prozent der nigerianischen Asylbewerber Schutz in Deutschland gewährt. 404 nigerianische Staatsangehörige wurden aus Deutschland nach Nigeria abgeschoben, davon 19 Personen, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hatten.
Und Zehntausende Nigerianer, deren Asylantrag abgelehnt wurde, warten noch auf die Abschiebung aus Deutschland. Wegen des Coronavirus war das bislang kaum möglich. Doch mit dem Flugverkehr werden auch die Abschiebungen wieder losgehen. ...
Denkt Jennifer an ihre Erfahrungen in Europa zurück, kommen ihr häufig die Tränen. Im Jahr 1999 brachten Menschenhändler die damals 19-Jährige über Marokko auf die Kanarischen Inseln. Anschließend wurde sie 15 Jahre lang zur Prostitution gezwungen, unter anderem in Spanien und Frankreich, erzählt sie. Schließlich kam sie nach Italien, wo sie einen nigerianischen Mann kennenlernte, den Vater ihrer beiden Söhne. Doch bald ging die Beziehung in die Brüche, Jennifer machte sich auf nach Deutschland, wo sie ihr jüngstes Kind Prince zur Welt brachte - und stellte einen Asylantrag.
Ihr Traum von einem ruhigen Familienleben in Sicherheit wurde im Sommer 2019 abrupt unterbrochen. Damals, so erzählt sie, "tauchten 15 Polizeibeamte in meinem Containerhaus im Flüchtlingslager Gilching in der Nähe von München auf und sagten mir, wir hätten fünf Minuten Zeit, unsere Sachen zusammenzupacken".
...
Jennifer wurde laut eigenen Angaben während des Flugs nach Nigeria von ihren Kindern getrennt und von vier Beamten bewacht. Am nächsten Tag kam die Familie wieder zusammen und wurde mit Dutzenden anderen abgeschobenen Männern, Frauen und Kindern aus dem Flughafen in Lagos entlassen - ohne Unterstützung, Geld oder auch nur einen Ansprechpartner im Land.
...
"Es gibt in Deutschland kaum ein Bewusstsein für diese Rückführungen: Niemand weiß, dass Kinder und Frauen abgeschoben werden, oder hat eine Vorstellung davon, was dies für ihre Gesundheit und Lebensbedingungen bedeutet", sagt der deutsch-nigerianische Aktivist Rex Osa, vom Netzwerk Flüchtlinge für Flüchtlinge ("Refugees4Refugees"). Osa koordiniert lokale Freiwillige in Lagos und Benin City, um Abgeschobene zu unterstützen und das Fehlverhalten deutscher Behörden zu dokumentieren.
...
Die nigerianischen Behörden beklagen ebenfalls mangelndes Interesse seitens der europäischen Regierungen. Für Margaret Ngozi Ukegbu, die Lagos-Direktorin der Nationalen Kommission für Flüchtlinge, Migranten und Binnenvertriebene, "werden all diese Abschiebungen unmenschlich durchgeführt".
...
Jennifer konnte bislang keine Arbeit in Nigeria finden. Den Vater ihrer Kinder kann sie nicht erreichen, erhält auch von ihm kein Geld. Also lebt sie noch immer bei dem Busfahrer, der sie inzwischen lieber nicht mehr in seinem Haus hätte. "Ich hatte auch gehofft, dass ich schneller ausziehen kann", sagt Jennifer am Telefon. "Er schlägt mich sogar manchmal, aber wo soll ich hin? Wegen des Coronavirus gibt es gar keine Jobs mehr. Die Kinder weinen viel, weil wir oft nichts zu essen haben."
Bereits im März hatte Jennifer mehrmals darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen. Danach wurde alles noch schlimmer. "Sie sagten mir, ich müsse in mein Land zurückkehren, aber das ist nicht mehr mein Land, es ist wie die Hölle."