Dazu eine Anekdote:
in meiner Studienzeit besuchte ich mal einen Sprachkurs, in dem wir wöchentlich über französischen Nachrichten diskutierten. Da fragte der Lektor mal in irgendeinem Kontext, wer von uns denn für die Todesstrafe sei. Plötzlich ratlose Stille und ALLE Studenten (einschließlich mir) drehten sich suchend nach links und rechts und scannten sich kontinuierlich gegenseitig mit ratlos prüfendem Blick ab, so in etwa wie bei einer Klausur, wo man emsig mit langem Hals versucht von den Nachbarn abzuschreiben. Die Gesichtsausdrücke waren leer - gähnend leere Gesichter, die nach Anleitung suchten.
Mit einer Ausnahme setzte bei allen, einschließlich mir, "auf inneren Befehl" eine blitzartige Blockade der Meinungsäußerung und bei manchen wohl auch des Denkens an sich ein und ein Umschalten in eine Art Scanningmodus. Umgebung absuchen nach dem, was die Gruppenmeinung ist. Lediglich eine einzige Person, eine Frau, äußerte wirklich ihre eigene Meinung dazu und hob die Hand.
Damals hatte ich mich gefragt, was da eigentlich mit mir eigentlich los war. Denn in dem sozialen Kontext war es mir als tatsächlichem Befürworter der Todesstrafe eigentlich völlig egal, wenn ich der einzige mit erhobener Hand gewesen wäre. Und trotzdem war da offensichtlich ein internalisierter Konformitätsreflex vorhanden, ein Automatismus, der die eigene Meinungsäußerung zumindest lange genug blockierte, daß es in dem Moment, als ich mich über meine Reaktion ärgerte, schon zu spät war um die ausgebliebene Reaktion nachzuholen.
Aber schon ein Jahr später hatte sich mein Reflex in solchen sozialen Situationen dann ins exakte Gegenteil, d.h. das reflexartige Brechen ideologischer Tabus bei jeder sich bietenden Gelegenheit, verkehrt.
Ich hoffe, du hast deine Meinung zur Todesstrafe auch ändern können.



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