Aber die meisten Abgeordneten werden auch in den letzten zehn Jahren schon einmal wegen irgendetwas besorgt gewesen sein. Warum dringt die Kritik nun nach außen? Die Antwort ist einfach: Bei vielen wirkt die altbewährte Beruhigungspille nicht mehr. Sie sind sich eben nicht mehr sicher, dass Merkel ihnen die Macht sichert. Vielmehr haben sie Angst, dass ihre offene Flüchtlingspolitik vom Volk nicht dauerhaft mitgetragen wird, dass nachher die Union an allem Schuld ist und von den Wählern abgestraft wird.
Deshalb sprach Merkels früherer Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) in der Fraktionssitzung am Dienstag laut einem Bericht der „Bild am Sonntag“ davon, dass man „die falsch gesendeten Signale“ korrigieren müsse. Applaus bekam er demnach nicht nur von den Kollegen aus Bayern, sondern auch von CDU-Abgeordneten – wenn diese auch nur von unten gegen den Tisch klopften, damit die Kanzlerin nicht sehen konnte, wer da klatscht.
Am Donnerstag schob dann auch noch der in der Flüchtlingskrise viel gescholtene und oft hilflos wirkende Innenminister Thomas de Maizière (CDU) plötzlich seiner Chefin die Schuld zu. „Außer Kontrolle geraten ist es mit der Entscheidung, dass man aus Ungarn die Menschen nach Deutschland holt“, sagte er in der Talkshow von Maybrit Illner. „Das war eine so große Zahl, dass es nicht mehr geordnet ging. Wir sind jetzt dabei, die Dinge wieder etwas zu ordnen."
Die Aussage ist der Versuch, das Bild vom in der Flüchtlingskrise stets hinterherhinkenden und zögerlichen Innenminister durch eine neue Erzählung abzulösen: De Maizière als ordentlicher und lösungsorientierter Konservativer, der nun hinter der Kanzlerin aufräumen muss.
Am Freitag zitierte das „Handelsblatt“ aus einem Positionspapier des konservativen Berliner Kreises innerhalb der Union: „Einladungen an alle Flüchtlinge dieser Welt, nach Deutschland zu kommen, können unser Land und unsere Gesellschaft überfordern". Der Gruppe gehören unter anderem die Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach, Erika Steinbach (beide CDU) sowie Hans-Peter Uhl (CSU) an.
Sie sprechen von „faktischen Obergrenzen der Aufnahmefähigkeit unserer Landes“ und bekunden ihre Skepsis angesichts „der häufig geradezu als Hoffnung artikulierten Erklärung, die Flüchtlinge würden unser Land kulturell bereichern“. Es sei „objektiv nicht leistbar, allen Flüchtlingen dieser Welt Asyl in Deutschland zu gewähren", heißt es weiter.
Doch es sind nicht nur die älteren, konservativen Gesichter, die nun einen anderen Kurs fahren als Merkel. CDU-Vize Julia Klöckner kritisiert zwar nicht direkt die Kanzlerin, macht aber gerade mit einem Thema Stimmung, das als Nachjustieren bis Gegensteuern zu Merkels Politik verstanden werden kann: Öffentlich brachte sie ihren Ärger über einen Imam zum Ausdruck, der ihr beim Besuch in einem Flüchtlingsheim nicht die Hand reichen wollte.
Als Reaktion darauf forderte Klöckner im Gespräch mit FOCUS Online eine Integrationspflicht für Flüchtlinge und erzählte von hunderten Frauen, die sich bei ihr gemeldet und ähnliche Erfahrungen geschildert haben. „Wir müssen uns schnellstens fragen: Was akzeptieren wir noch alles?“, sagte die Spitzenkandidatin der CDU für die Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz.
Für die Kanzlerin ist ein solch öffentliches Konzert aus kritischen Stimmen aus dem eigenen Lager eine ungewohnte Situation. Ebenso wie der Blick in ihre Umfragewerte: In einer Insa-Umfrage für FOCUS Online gab rund jeder Zweite an, dass er mit Merkels Flüchtlingspolitik nicht zufrieden sei. Auf der „Politikertreppe“ des „Spiegels“ musste die Kanzlerin erstmals in dieser Legislaturperiode Platz eins abgeben und rutschte auf Platz vier ab. Auch im ZDF-„Politbarometer“ zu den wichtigsten Politikern fiel sie auf den vierten Rang zurück.
Mit ihrem teilweise ungewohnt emotionalen Verhalten in der Flüchtlingskrise hat Merkel kurz vor ihrem zehnjährigen Kanzler-Jubiläum neues Terrain betreten. Auch ihre Partei befindet sich nun auf neuem Terrain – nur ist es nicht dasselbe.