
Zitat von
torio
Verwechselst du ihn womöglich? Das Buch ist eher sachlich-neutral geschrieben und nicht tendenziös. In Zeiten der aufschäumenden Emotionen ein wohltuend anderer Blickwinkel als die ideologisch aufgeheizten Veröffentlichungen.
Ein Auszug:
dadurch potenziert, dass die Krim und der aufständische Teil
Der ukrainische Export nach Russland ist durch den Krieg weitgehend zum Erliegen gekommen. Das ist besonders bitter für die Ukraine, weil ihre Handelsströme zwar vor dem Ausbruch des Konflikts gegenüber Russland und gegenüber der EU in Geld beziffert ungefähr gleiche Größenordnungen erreicht hatten, aber von sehr unterschiedlicher Struktur waren. Der ukrainische Export in die EU setzt sich überwiegend aus niedrig veredelten Produkten wie Stahl, Düngemitteln und Basischemikalien zusammen, das Land spielt die Rolle eines Lieferanten von Vorprodukten und Rohstoffen – ein quasikoloniales Verhältnis. Versuche der »proeuropäischen« ukrainischen Medien, dies zu negieren, balancieren am Rande der unfreiwilligen Komik. So meldete die Ukrainskaja Pravda Ende Oktober geradezu trotzig, dass aus Schitomir westlich von Kiew zehn Prozent der Bügelbretter für den europäischen Markt kämen, gefertigt bezeichnenderweise von der Tochtergesellschaft eines westeuropäischen Unternehmens. Dagegen ging der mit hoher Wertschöpfung verbundene ukrainische Export aus den Branchen Luft- und Raumfahrt, Militär und Maschinenbau ganz überwiegend nach Russland. Moskau hat unter dem Eindruck ukrainischer Liefersperren für Zulieferungen für die Rüstungsindustrie begonnen, seine rhetorisch schon seit 1991 verkündete Parole, sich von Importen aus der Ukraine unabhängig zu machen, in die Tat umzusetzen. Was über 20 Jahre lang schleifen gelassen wurde – offenbar auch in der Hoffnung, durch die Sicherung industrieller Arbeitsplätze Loyalität bei wenigstens den regionalen Eliten und der Bevölkerung in den begünstigten Regionen zu kaufen –, soll jetzt innerhalb von drei bis fünf Jahren nachgeholt werden. (…) Wenn sich diese Perspektive bewahrheitet, sieht es schlecht aus für den Industriestandort Ukraine.
Auch nach der fiskalischen Seite hin ist der Krieg die Ukraine teuer zu stehen gekommen. Nach offiziellen Angaben der Regierung kostete jeder Tag den Staatshaushalt fünf Millionen US-Dollar, das machte von April bis September rund eine Milliarde aus. Jetzt soll noch aus dem Stand die 2.000 Kilometer lange Grenze zu Rußland mit Gräben, Wachtürmen und Elektronik befestigt werden. Zur Finanzierung ist den Kiewer Machthabern bisher nichts Besseres eingefallen, als den Gedanken zu lancieren, jeder ukrainische Millionär solle gefälligst einen Kilometer davon aus eigener Tasche finanzieren, quasi als informelle Steuernachzahlung – eine sehr ukrainische Konstruktion. Die Landeswährung Hryvnja hat gegenüber Euro und Dollar zwischen Januar und September 2014 rund 60
Die Unzufriedenheit der Nationalisten entzündet sich dabei grundsätzlich an zwei Punkten: Erstens der Beobachtung, dass der Euromaidan die Oligarchie nicht entmachtet, sondern nur den einen Clan durch andere Gruppierungen ersetzt hat. Zweiter Kritikpunkt ist die Erfolglosigkeit der »Antiterroroperation« in der Südostukraine, gemessen an den Zielen, die sich die Führung selbst gesetzt hatte. Von der Rückeroberung der Rebellengebiete innerhalb weniger Wochen, nach der es noch im Juli aussah, ist nichts mehr übriggeblieben. Die ukrainischen Truppen, die geplant hatten, das Aufstandsgebiet in einer Zangenbewegung parallel zur russischen Grenze zu umfassen und auszuhungern, wurden an der Südflanke selbst eingekesselt und erlitten schwere Verluste an Menschen und Material. Dass diese Verluste in besonderem Maße die rechten Freiwilligenbataillone wie »Donbass« und »Asow« trafen, hat in diesen Kreisen Anlass zu dem Verdacht bewusster Sabotage gegeben. Man unterstellt der Kiewer Regierung, die Freiwilligen bewusst verheizt zu haben, um sich ihrer mit Blick auf die innenpolitische Auseinandersetzung der Nachkriegszeit zu entledigen. Semjon Semjon*tschenko, der wohl intelligenteste und durch seine regelmäßigen Facebook-Postings medial präsenteste der rechten Warlords, hat alle Pläne, nach einem Ende der Kämpfe sein Bataillon »Donbass« aufzulösen, mit der kühlen Ankündigung quittiert, dann würden seine Leute zum Partisanenkampf übergehen. Die Frage ist, gegen wen. Die Regierung Poroschenko kann sich also nicht einmal des staatlichen Gewaltmonopols sicher sein, zumal der Rechte Sektor und etliche Freiwilligenbataillone von Oligarchen wie Igor Kolomojskij finanziert werden und damit grundsätzlich als deren Privatarmeen fungieren können. Kolomojskij, der als Gouverneur von Dnipropetrowsk amtiert, hat offen gesagt, dass er den Waffenstillstand allenfalls vorübergehend anerkennen will. Spätestens im Frühjahr müsse es einen neuen militärischen Angriff auf die abtrünnigen Gebiete im Südosten des Landes geben.