„Atmet mit uns den Duft der Freiheit!“
Schlussplädoyer der Angeklagten Nadežda Tolokonnikova vom 8. August 2012 im
Strafverfahren wegen vorsätzlicher, gruppenmäßig und aus religiösem Hass sowie
Hass auf eine soziale Gruppe begangener
* grober Störung der öffentlichen Ordnung
* Art. 213, Abs. 2 Strafgesetzbuch der Russländischen Föderation
(OSTEUROPA, 62. Jg., 6–8/2012, S. 219–224)
Das laufende Gerichtsverfahren richtet sich im Kern nicht gegen die drei
Sängerinnen der Gruppe Pussy Riot. Sonst wäre das, was hier vor sich geht, völlig
irrelevant. Vor Gericht sitzt das ganze staatliche System der Russländischen
Föderation. Dieses gefällt sich zu seinem eigenen Unglück darin, erneut seine
Brutalität im Umgang mit dem Menschen zu zeigen, dieselbe Gleichgültigkeit
gegenüber der Ehre und Würde des Einzelnen, die wir aus den schrecklichsten
Zeiten der Geschichte Russlands kennen.
Leider ähnelt diese Simulation eines Gerichtsverfahrens den Praktiken der
Stalinschen Trojkas. Auch in unserem Fall ist alles, was das Trio aus
Untersuchungsführer, Richter und Staatsanwalt sagt, tut und entscheidet, durch den
übergeordneten politischen Repressionsauftrag bestimmt.
Wer ist schuld an dem Auftritt in der Christ-Erlöser-Kathedrale und daran, dass uns
wegen dieses Konzerts der Prozess gemacht wird? Das autoritäre politische System.
Pussy Riot macht Oppositionskunst oder auch Politik mit den Mitteln der Kunst. In
jedem Fall handelt es sich um zivile Aktionen in einem korporatistischen Staat, der
die grundlegenden Menschen- und Bürgerrechte sowie die politische Freiheit
unterdrückt.
Die Leute, die seit Beginn der 2000er Jahre durch die gezielte Zerstörung dieser
Freiheiten systematisch und erbarmungslos geschunden wurden, beginnen heute
aufzubegehren. Wir wollten aufrichtig und klar sein, in unseren Punkauftritten sind wir
daher Narren in Christo. Inbrunst, Offenheit und Naivität stehen über Heuchelei,
Schläue und vorgetäuschtem Anstand, der Verbrechen verdecken soll. Die
führenden Personen des Staates zeigen in der Kirche ein „korrektes“ Gesicht, doch
mit dieser Heuchelei sündigen sie weit mehr als wir.
Unsere politischen Punkkonzerte waren nötig, weil der Staatsapparat Russlands
vollkommen erstarrt ist und von einer geschlossenen Kaste regiert wird, so dass alle
Politik von den Interessen einer kleinen Gruppe bestimmt wird. Die Atmosphäre in
unserem Land macht uns krank. Wir müssen politisch handeln und leben, weil wir
uns nicht damit abfinden können, dass die Gesellschaft mit Zwang und Gewalt
gelenkt wird, dass die wichtigsten politischen Institutionen die staatlichen
Disziplinarapparate sind, die Armee, die Polizei, der Geheimdienst, die politische
Stabilität mit Hilfe von Gefängnissen, Präventivhaft und repressiver Kontrolle der
Bürger sichern sollen.
Wir können uns nicht damit abfinden, dass die meisten Menschen dieses Landes zu
politischer Passivität gezwungen werden und dass die Exekutive volle Kontrolle über
die Parlamente und die Gerichte hat. Uns ärgert, dass der Staat und seine Gehilfen
Angst schüren, um die politische Kultur dieses Landes auf einem skandalös
niedrigen Niveau zu halten. Schauen Sie, was Patriarch Kirill sagt:
„Orthodoxe
Christen gehen nicht auf Demonstrationen.“ Uns ärgert, dass der Zusammenhalt
dieser Gesellschaft so schwach ist.
Uns missfällt, wie mühelos der Staat die Öffentlichkeit manipuliert, in dem er die
meisten Medien einer scharfen Kontrolle unterwirft. Ein schlagendes Beispiel dafür ist
die unglaublich dreiste Medienkampagne gegen Pussy Riot, bei der alle Fakten und
Aussagen verdreht werden und der sich nur die wenigen unabhängigen Medien in
diesem Land entziehen. Wir leben in einer autoritären Situation, in einem autoritären
System. Doch es gibt Anzeichen, dass dieses System zusammenbricht. Ein solches
Anzeichen ist die Haltung der Gesellschaft zu den drei Mitgliedern der Gruppe Pussy
Riot. Das, worauf das System gehofft hatte, ist nicht eingetreten. Es stimmt nicht,
dass uns ganz Russland verurteilt.
Mit jedem Tag wächst die Zahl der Menschen, die uns glauben, die an uns glauben
und der Ansicht sind, dass wir nicht hinter Gitter gehören. Das sehe ich an den
Menschen, denen ich momentan begegne: an den Repräsentanten des Systems, die
in seinen Institutionen arbeiten, und an den Menschen, die in Haft sitzen. Von Tag zu
Tag unterstützen uns beide immer mehr, wünschen uns alles Gute und eine baldige
Freilassung, finden, dass unsere politische Performance berechtigt war.
Immer mehr
Menschen sagen uns, dass sie sich zuerst auch gefragt hätten, wie wir das nur tun
konnten, dass sich mit der Zeit aber gezeigt habe, dass unsere politische Geste
richtig war, dass wir den Finger in eine Wunde gelegt, in ein Schlangennest
gestochen haben, das jetzt über uns herfällt.
Diese Menschen versuchen nach Kräften, uns das Leben zu erleichtern. Wir sind
ihnen sehr dankbar dafür. Wir sind all jenen dankbar, die sich da draußen für uns
einsetzen. Ich weiß, dass es sehr viele sind. Ich weiß auch, dass sich sehr viele
orthodoxe Christen für uns aussprechen. Manche beten vor dem Gerichtsgebäude
für uns. Man hat uns die Büchlein mit einem Gebet für alle Gefangenen gezeigt, die
die Orthodoxen austeilen. Allein das zeigt, dass es keine geschlossene Gruppe
orthodoxer Gläubiger gibt, wie die Anklage es behauptet. Immer mehr Gläubige
verteidigen Pussy Riot. Sie sind der Ansicht, dass unser Auftritt keine fünf Monate
Untersuchungshaft, geschweige denn die vom Herrn Staatsanwalt geforderten drei
Jahre Gefängnisstrafe rechtfertigt.
Und immer mehr Menschen verstehen auch dies: Wenn ein politisches System
gegen drei junge Frauen zu Felde zieht, nur weil sie in der Christ-Erlöser-Kathedrale
30 Sekunden lang eine Performance aufgeführt haben, dann kann das nur eines
bedeuten:
Es fürchtet jene Wahrheit, Aufrichtigkeit und Offenheit, die wir verkörpern. Wir haben
in diesem ganzen Prozess keine Sekunde lang taktiert. Die Gegenseite hingegen
taktiert viel zuviel. Die Menschen spüren das. Sie spüren die Wahrheit. Die Wahrheit
ist der Lüge überlegen. Das steht auch in der Bibel geschrieben. Die Wahrheit siegt
zuletzt immer über Heimtücke, Taktik und Lüge. Auch wenn wir weiter hinter Gittern
sitzen und dies wahrscheinlich noch für sehr lange, kommt der Sieg der Wahrheit mit
jedem Tag näher.
Gestern trug Madonna bei ihrem Konzert den Schriftzug Pussy Riot auf dem Rücken.
Es überwältigt mich zu sehen, wie immer mehr Menschen erkennen, dass wir
widerrechtlich festgehalten werden und dass dieser Prozess auf falschen
Anschuldigungen beruht. Es überwältigt mich zu sehen, dass die Wahrheit
tatsächlich über die Lüge siegt.
Auch wenn wir uns physisch hier befinden, sind wir doch freier als alle die, die uns
gegenüber, auf der Seite der Anklage sitzen. Wir können sagen, was wir wollen –
und das tun wir auch. Diejenigen, die dort drüben sitzen [zeigt auf den Platz des
Staatsanwalts − Red.], sagen nur das, was die politische Zensur ihnen vorgibt. Sie
können nicht sagen „Mutter Gottes, treib den Putin aus!“ Vielleicht denken sie, dass
man uns allein schon wegen unserer Kritik an Putin und seinem System einsperren
sollte. Aber das können sie nicht laut sagen, weil es ihnen verboten ist. Ihnen sind
die Lippen versiegelt, sie sind leider nichts als Pappfiguren. Ich hoffe, dass ihnen das
bewusst ist und dass irgendwann auch sie den Weg der Freiheit, der Wahrheit und
der Aufrichtigkeit wählen statt jenen von Stabilität, vorgetäuschtem Anstand und
Heuchelei.
Die Suche nach der Wahrheit ist immer das Gegenteil von Stabilität. Auch
in diesem Prozess sehen wir auf der einen Seite diejenigen, die nach der Wahrheit
suchen, und auf der anderen Seite die, die diese Wahrheitssuche unterdrücken
wollen. Der Mensch kann sich immer irren. Er ist nicht vollkommen. Er strebt
unaufhörlich nach Wahrheit – und kommt nie an. So ist die Philosophie entstanden.
Deshalb ist derjenige ein Philosoph, der die Wahrheit liebt und nach ihr strebt, ohne
sie je zu besitzen. Eben das bringt ihn zum Denken, zum Handeln, zum Leben. Uns
hat es dazu gebracht, in die Christ-Erlöser-Kathedrale zu gehen. Das Christentum,
so ich wie das Alte und vor allem das Neue Testament verstanden habe, unterstützt
diese Suche nach Wahrheit und die ständige Überwindung dessen, was du bislang
warst. Jesus hielt nicht ohne Grund zu den Huren. Er sagte: „Man muss den
Strauchelnden helfen. Ich verzeihe ihnen.“
In unserem Prozess dagegen, der unter dem Banner des Christentums geführt
wird, sehe ich davon nichts. Die Anklage tritt das Christentum mit Füßen!
Die Anwälte der Nebenklage distanzieren sich von denen, die sie vertreten . . . So
deute ich das. Vor zwei Tagen hat der Anwalt Taratuchin hier erklärt, dass allen klar
sein sollte, dass ein Anwalt sich keineswegs mit seinen Mandanten solidarisiert, die
er vertritt. Taratuchin ist es aus moralischen Gründen also unangenehm, Leute zu
vertreten, die die drei Mitglieder von Pussy Riot im Gefängnis sehen wollen. Warum
diese Leute das wollen, weiß ich nicht, aber sie haben das Recht dazu. Ich weise nur
darauf hin, dass ihr Anwalt sich offensichtlich schämt. Als in diesem Saal in seine
Richtung „Schande!“ und „Henker!“ gerufen wurde, hat ihn das nicht kalt gelassen.
Ein Anwalt ist doch dazu da, dass die Wahrheit und das Gute immer über die Lüge
und das Böse siegen. Außerdem scheint es mir, dass höhere Mächte die Worte der
Gegenseite lenken. Die Anwälte versprechen sich immer wieder und machen Fehler.
Praktisch ausnahmslos nennen sie uns die „Geschädigten“, sogar die Anwältin
Pavlova, die eine sehr negative Einstellung zu uns hat. Dennoch zwingen höhere
Mächte sie dazu, uns so zu nennen und nicht etwa ihre Mandanten. Ich möchte
niemanden in eine Schublade stecken. Mir scheint, dass es hier nicht Sieger und
Verlierer, nicht Kläger und Angeklagte gibt. Wir müssen endlich miteinander reden,
ein Gespräch beginnen und gemeinsam nach der Wahrheit suchen. Wir sollten
zusammen nach Weisheit streben, statt andere zu stigmatisieren und in Schubladen
zu stecken. Das ist das letzte, das ein Mensch tun sollte. Auch Jesus hat das
verurteilt.
Wir werden in diesem Gerichtsverfahren verunglimpft. Wer hätte gedacht, dass der
Mensch und der von ihm gelenkte Staat immer wieder zum grundlosen, absoluten
Bösen fähig sind? Wer hätte gedacht, dass wir aus der Geschichte, vor allem aus
den gar nicht so fernen Schrecken des großen Stalinschen Terrors, nichts lernen?
Man könnte heulen, wenn man sieht, wie die Methoden der mittelalterlichen
Inquisition in den Polizei- und Justizapparat Russlands – unseres Landes! –
zurückkehren. Doch seit unserer Verhaftung haben wir verlernt zu weinen.
Bei unseren Punkkonzerten haben wir verzweifelt geschrien, haben die Gesetzlosigkeit
der Staatsmacht und ihrer Repräsentanten aus vollem Halse angeprangert. Aber
man hat uns unsere Stimme geraubt. Im Verlauf des gesamten Prozesses hat man
sich geweigert, uns zuzuhören.
Zuhören bedeutet, bewusst wahrzunehmen, nach Weisheit zu streben, Philosoph zu
sein. Ich denke, tief in seinem Innern sollte jeder Mensch danach streben, nicht nur
diejenigen, die irgendein Philosophiestudium absolviert haben. Das Studium ist gar
nichts, die formale Ausbildung allein ist ohne Bedeutung. Die Anwältin Pavlova wirft
uns ständig unsere angeblich unzureichende Bildung vor. Ich dagegen glaube, das
Wichtigste ist das Streben nach Wissen und Verständnis. Dazu braucht man keine
Schulen und Universitäten. Ein Mensch kann über ein gewaltiges Wissen verfügen
und trotzdem kein Mensch sein. Wer viel weiß, ist deshalb noch lange nicht klug.
Unser Prozess hat uns das leider vor Augen geführt. Wir sind hier nur Dekoration,
Staffage, Körper, die in den Gerichtssaal gebracht wurden. Unsere Gesuche werden,
wenn sie nach vielen Tagen des Bittens, des Überredens und des Kämpfens
überhaupt zugestellt werden, augenblicklich abgelehnt.
Dem Staatsanwalt dagegen, der immer wieder ungestraft all unsere Worte und
Erklärungen verdreht, schenkt das Gericht zu unserem Unglück und zum Unglück
dieses Landes Gehör. Diese Verletzung der Grundsätze der Strafprozessordnung
findet ganz offen statt, in geradezu demonstrativer Weise.
Am 30. Juli, dem Tag der Verfahrenseröffnung, hat unsere Verteidigerin Frau
Volkova die von uns verfasste Reaktion auf die Anklageschrift verlesen, weil das
Gericht den Angeklagten kategorisch verboten hatte, selbst zu sprechen. In den fünf
Monaten zuvor hatten wir aus dem Gefängnis überhaupt keine Möglichkeit gehabt,
uns zu den Vorwürfen zu äußern. Wir waren eingesperrt, weggeschlossen. Aus der
Untersuchungshaft dürfen wir keine Erklärungen abgeben, keine Filme aufzeichnen,
wir haben kein Internet, wir dürfen nicht einmal unserem Anwalt eine Stellungnahme
übergeben.
Am 30. Juli haben wir zum Dialog aufgerufen, nicht zu Kampf und Widerstand. Wir
haben denen die Hand entgegengestreckt, die uns – weshalb auch immer – für ihre
Feinde halten. Sie haben uns ausgelacht und in die ausgestreckte Hand gespuckt.
„Ihr heuchelt“, sagten sie. Doch sie irren sich. Schließt nicht von euch auf andere.
Wir haben wie immer aufrichtig gesagt, was wir denken.
Wahrscheinlich sind wir naiv wie Kinder, wenn wir immer die Wahrheit sagen. Doch
wir bereuen nichts von dem, was wir gesagt haben. Wir wurden verspottet, doch wir
werden nicht mit Spott antworten. Wir sind in einer hoffnungslosen Lage, aber wir
geben die Hoffnung nicht auf. Wir werden verfolgt und sind doch nicht verlassen. Wer
offenherzig ist, kann leicht erniedrigt und vernichtet werden, doch „wenn ich schwach
bin, so bin ich stark“. Hört uns zu. Uns, nicht Journalisten wie Arkadij Mamontov,
wenn sie über uns sprechen. Verdreht und verbiegt nicht alles, was wir gesagt
haben, und erlaubt es uns, mit den Menschen dieses Landes zu sprechen, das auch
unser Land ist und nicht nur das Land Putins und des Patriarchen.
Ich glaube wie Solženicyn daran, dass das Wort Beton sprengt. Katja, Maša und ich
sitzen im Gefängnis, in einem Käfig. Doch wir haben keine Niederlage erlitten. So,
wie auch die Dissidenten keine Niederlage erlitten haben. Sie verschwanden in
psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen, doch dort verfassten sie Werke, die das
Urteil über das Regime fällten. Die Kunst, ein Bild der Epoche zu erschaffen, kennt
keine Sieger und Verlierer. Auch die Oberiuten blieben trotz der Säuberungen von
1937 bis zum Ende Dichter. Vvedenskij schrieb: „Uns erfreut, was wir nicht
verstehen. Das Unerklärliche ist unser Freund.“ Laut Totenschein starb Aleksandr
Vvedenskij am 20. Dezember 1941. Die Todesursache ist unbekannt. Vielleicht ist er
im Gefangenenwaggon an Ruhr gestorben, vielleicht hat ihn eine Wache
erschossen, irgendwo auf der Eisenbahnstrecke zwischen Voronež und Kazan’. Wir
von Pussy Riot sind Schüler und Nachfolger Vvedenskijs. Sein Prinzip der unreinen
Reime ist auch unseres. Er schrieb: „Manchmal fallen mir zwei Reime ein, ein reiner
und ein unreiner. Ich wähle den unreinen. Und genau dieser ist der richtige.“
„Das Unerklärliche ist unser Freund.“ Die abgehobenen, subtilen Werke der
Oberiuten, ihre Suche nach einer Idee am Abgrund des Sinns vollendete sich, als sie
im sinnlosen, durch nichts erklärbaren Großen Terror ihr Leben verloren. Mit ihrem
Tod haben die Oberiuten unfreiwillig bewiesen, dass ihre Lehre von Sinnlosigkeit und
Widersinn den Nerv der Epoche getroffen hat. Aus ihrer Kunst wurde so Geschichte.
Wer daran teilhat, wenn Geschichte geschrieben wird, zahlt immer einen sehr hohen
Preis. Aber genau diese Teilhabe ist das Salz der menschlichen Existenz: „Bettler
sein, aber viele bereichern.
Nichts haben, aber alles besitzen.“ Die Dissidenten und die Oberiuten sind tot? Sie
leben. Sie wurden verfolgt, doch sie sind unsterblich. Erinnern Sie sich daran, wofür
der junge Dostoevskij zum Tode verurteilt wurde? Seine ganze Schuld bestand darin,
dass er sich für die Theorien des Sozialismus begeisterte. Im Kreis der Freidenker,
die immer freitags in der Wohnung Petraševskijs zusammenkamen, diskutierte man
die Werke von Fourier und George Sand. Und an einem der letzten Freitage las er
den Brief Belinskijs an Gogol’ vor, der laut Gerichtsurteil voll ist von – gut zuhören! –
„dreisten Ausfällen gegen die Orthodoxe Kirche und die Oberste Gewalt“. Nachdem
alle Vorkehrungen zur Vollstreckung der Todesstrafe abgeschlossen waren und nach
zehn „grauenhaften, unermesslich schrecklichen Minuten in Erwartung des Todes“,
wie es Dostoevskij selbst beschrieb, verkündet man, dass das Todesurteil
umgewandelt wurde in vier Jahre Zwangsarbeit mit anschließend abzuleistendem
Dienst in der Armee.
Sokrates wurde beschuldigt, mit seinen philosophischen Gesprächen die Jugend zu
verführen und die Götter nicht anzuerkennen. Sokrates hat selbst immer wieder
bekräftigt, dass er keineswegs gegen die Götter kämpft. Doch für wen war das von
Belang, angesichts der Tatsache, dass Sokrates mit seinem kritischen, dialektischen
und vorurteilsfreien Denken die einflussreichen Einwohner Athens gegen sich aufbrachte?
Sokrates wurde zum Tode verurteilt. Er verzichtete auf die Flucht und trank gelassen
den Schierlingsbecher.
Sicher werden Sie sich auch erinnern, unter welchen Umständen der Aposteljünger
Stephanus seinen irdischen Weg beschloss? „Da stifteten sie einige Männer an, die
sprachen: Wir haben ihn Lästerworte reden hören gegen Mose und gegen Gott. Und
sie brachten das Volk und die Ältesten und die Schriftgelehrten auf, traten herzu und
ergriffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat und stellten falsche Zeugen auf, die
sprachen: „Dieser Mensch hört nicht auf zu reden gegen diese heilige Stätte und das
Gesetz.“ Er wurde für schuldig befunden und zum Tod durch Steinigung verurteilt.
Ebenso wage ich zu hoffen, dass sich alle hier im Saal an diese an Jesus gerichteten
Worte erinnern: „Um eines guten Werkes willen steinigen wir dich nicht, sondern um
der Gotteslästerung willen.“ Zu guter Letzt sollte man nicht vergessen, wie Jesus
beschrieben wurde: „Er hat einen bösen Geist und ist von Sinnen.“ Wenn die oberste
Gewalt – sei es der Zar, der Präsident, das Volk oder die Richter – verstehen würde,
was es bedeutet, dass geschrieben steht: „Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit
und nicht am Opfer“, dann würden sie keine Unschuldigen verurteilen.
Unsere Oberen sind hingegen nur schnell mit der Verurteilung und nie mit der
Barmherzigkeit. Übrigens danke ich Dmitrij Anatol’evič Medvedev für einen weiteren
bemerkenswerten Aphorismus: Nachdem er seine Amtszeit als Präsident unter das
Motto „Freiheit ist besser als Unfreiheit“ gestellt hat, wird das Motto der dritten
Amtszeit Putins nun vielleicht lauten „Gefängnis ist besser als Steinigung“. Ich bitte
Sie, folgenden Gedanken einmal konzentriert zu durchdenken. Er stammt von
Montaigne. In seinen „Essais“ schrieb er: „Man muss seine eigenen Ansichten schon
überaus hoch schätzen, um deshalb lebendige Menschen verbrennen zu lassen.“
Ist es richtig, lebendige Menschen zu verurteilen und ins Gefängnis einzusperren nur
wegen einer Ansicht, die die Anklage mit keinerlei Fakten belegen konnte? Da wir
nicht aus religiösem Hass und Feindschaft gehandelt haben, bleibt den Anklägern
nichts anderes übrig, als auf falsche Zeugen zurückzugreifen. Eine von ihnen,
Motil’da Ivaščenko, ist aus Scham nicht vor Gericht erschienen. Es blieben die
verlogenen Aussagen der Herren Troickij und Ponkin sowie Frau Abramenkovas.
Daneben gibt es keinerlei Beweise dafür, dass wir aus Hass und Feindschaft
handelten, wie es das sogenannte Gutachten behauptet. Dieses darf das Gericht,
sofern es ehrlich und gerecht ist, nicht als zulässigen Beweis anerkennen.
Denn es ist kein wissenschaftlicher und objektiver Bericht, sondern ein schmutziger,
verlogener Wisch, ein Beweis, wie ihn die mittelalterliche Inquisition verwendete.
Andere Beweise, die irgendwie das uns unterstellte Motiv belegen würden, gibt es
nicht.
Die Anklage traut sich nicht, Liedtexte von Pussy Riot als Beweismittel zu
verwenden, denn diese belegen sehr anschaulich, dass wir keinen religiösen Hass
und keine religiöse Feindschaft hegen. Nach unserer Aktion in der Christ-Erlöser-
Kathedrale erklärten wir in einem Interview mit dem Magazin Russkij Reporter:
„Wir haben großen Respekt vor der Religion, insbesondere der Orthodoxie. Genau
deshalb empört es uns, dass die große, lichte christliche Philosophie auf so schmutzige
Art benutzt wird. Es kotzt uns an, wie das Erhabenste missbraucht wird.“
Daran hat sich nichts geändert. Uns schmerzt dieser Anblick wirklich. Die Aussagen
aller Zeugen der Verteidigung, auch die zu unserem Persönlichkeitsprofil, belegen,
dass wir nie aus Hass und Feindschaft handeln. Außerdem bitte ich darum, neben
allen übrigen Einschätzungen auch die Ergebnisse des
psychologischpsychiatrischen
Gutachtens zu berücksichtigen, dem ich mich während der Ermittlungen in der
Untersuchungshaft unterziehen musste:
Die Experten erklären, die Werte, an denen ich mich orientiere, seien „Gerechtigkeit,
Respekt, Menschlichkeit, Gleichheit und Freiheit“.
Wahrscheinlich hätte der Untersuchungsrichter Rančenkov sehr gerne ein anderes
Ergebnis gehabt. Doch offensichtlich gibt es zu viele Menschen, die die Wahrheit
lieben. Es stimmt, was in der Bibel steht.
Zu guter Letzt würde ich gern ein Lied von Pussy Riot zitieren, weil diese Lieder sich,
so seltsam es klingen mag, als prophetisch erwiesen haben:
„Der Chef der Kirche und des KGB/ bringt alle von der Demo in den Knast.“
Das ist eingetreten. In einem anderen Lied heißt es:
„Öffnet alle Türen, reißt die Epauletten ab, atmet mit uns den Duft der Freiheit!“
Das ist alles.
(Uebersetzung aus dem Russischen von Elisabeth Luuedeking und Timm Schoenfelder)
Quelle: Novaja Gazeta, 12.8.2012
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