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Chronos
Theorien stimmen sehr oft nicht mit der Praxis überein. Einer IG Metall mit einer halben Million Mitgliedern war es vollkommen wurscht, ob sie sechs Millionen oder acht Millionen Arbeitnehmer der Metallsparte vertrat.
Man richtete sich bei den jährlichen rituellen Lohnrunden nach der offiziellen Inflationsrate und setzte noch ein Sahnehäubchen obendrauf.
Die Industrie knickte regelmäßig weg, weil das Geschäft brummte und man keinen Streik riskieren wollte.
DAS waren die Begleitparameter, sonst nichts.
Auch hier zählt die Theorie nicht (ob von Lassalle oder nicht). Wenn in einer Volkswirtschaft Vollbeschäftigung herrscht, interessen solche Feinheiten nur am Rande.
Fakt war, dass die Industrie brummte und man natürlich ständig Arbeitskräfte suchte, um Fluktuation auszugleichen und von der überhitzten Produktion und der Mehrschichtauslastung herunterzukommen. Aber um Himmels Willen doch keine Türken! Was wirklich knapp war, waren qualifizierte Leute, und viele junge Arbeitnehmer gingen auch auf Weiteerbildungsschulungen, um sich höher zu qualifizieren.
Noch so ein Irrtum, der in diesem Zusammenhang herumgeistert: Man kann nicht eine Produktion mit einem Fingerschnippen aufblasen und einfach mehr Leute dransetzen.
Da gehören erstmal die baulichen Voraussetzungen geschaffen, dann müssen alle Fertigungseinrichtungen erweitert und neu hinzugekauft werden, und ausserdem reicht es nicht, nur mehr Arbeitskapazität in die Produktion zu stecken, sondern auch Entwicklung, Konstruktion, Arbeitsvorbereitung, Vorfertigung, Qualitätssicherung, Marketing und Materialwesen müssen adäquat "aufgebohrt" werden.
Wenn Lieferant XYZ wöchentlich nur 3000 Teile eines Vorfabrikats oder einer Baugruppe liefern kann, nützt es überhaupt nichts, wenn ich meine Fertigung aufblase.
Wir können hier doch nicht mit der Klein-Fritzchen-Nummer argumentieren:
"Ein Arbeiter schaufelt einen Graben von zwei Metern Länge in drei Stunden!
Wie lange brauchen 300 Arbeiter, um einen Graben mit den gleichen Abmessungen zu schaufeln?...."
Auch das ist zwar theoretisches Geklingel, hat aber mit den Realitäten in einer modernen Industrieproduktion nicht mehr viel zu tun.
Der technische Fortschritt findet an ganz anderer Stelle und durch ganz andere Zwänge statt.
Die permanente Weiterentwicklung von Techniken, Materialien und Prozesstechnik erfordert immer neue Produktkonzepte und gleichzeitig auch Vereinfachungen, um den Kostendruck abzufangen.
Dies bedingt gleichzeitig auch Vereinfachungen im Produktionsprozess, weil neue Bauelemente gleichzeitig den Arbeitsablauf schrumpfen lassen.
Ein einfaches Beispiel: Während zuvor noch 300 Transistoren in einem elektronischen Gerät einzeln eingesetzt werden mussten, hat die einsetzende Integration bewirkt, dass ein einziger integrierter Schaltkreis (sieht aus wie ein Maikäfer mit 30 Beinchen o.ä.) all die früher benötigten 300 einzelnen Transistoren auf einen Schlag obsolet werden ließ. Damit entfielen 299 Handgriffe in der Produktion.
Wenn man gegen manchen hirnrissigen Quatsch nicht anschreibt, entstehen Legenden. Dem gilt es vorzubeugen.