Welt am Sonntag: Dass Sarrazin von "jüdischen Genen" spricht, hat Sie nicht gestört? Gab es in Israel nicht heftige Kritik daran?
Ben-Zeev: Darüber wurde in Israel kaum berichtet. Was mich betrifft: Ich bin kein Biologe, aber ich erinnere mich gut an die Rede des israelischen Schriftstellers Amos Oz bei Ihnen im Verlag, der vor zwei Jahren davon sprach, dass die deutsche Kultur jüdische Gene besitzt und das Judentum deutsche Gene hat. Damals bekam er Applaus. Ich glaube, diese Diskussion über Gene ist gar nicht so wichtig. Das große Interesse an Sarrazin besteht doch offenbar deshalb, weil er die Missstände der Integrationspolitik anspricht. Mich interessiert die Reaktion auf Sarrazin deshalb mehr als seine Thesen, die an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas unsensibel formuliert sind.
Welt am Sonntag: Wenn Sie die deutsche und israelische Debattenkultur vergleichen - wer schneidet da besser ab?
Ben-Zeev: In Israel gibt es keine Tabus. Bei uns wird eigentlich alles in aller Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Das ist für die Regierung, das Militär, das politische Establishment oft ziemlich schmerzvoll. Erinnern Sie sich nur an die Diskussion über die sogenannte Gaza-Hilfsflotte, die von der israelischen Armee militärisch gestoppt wurde. Bei der Frage, ob der Einsatz angemessen war, wurde uns von den israelischen Medien nichts geschenkt. Eine arabische Abgeordnete hat die Regierung in der Knesset heftig attackiert, es gab regelrecht Tumulte im Parlament. Aber der Präsident der Knesset, ein Konservativer, hat ihre Redefreiheit vehement verteidigt. Darauf bin ich sehr stolz, obwohl ich das, was die Abgeordnete der Regierung vorgeworfen hat, absolut nicht teile. Ein anderes Beispiel: Zurzeit gibt es in Israel eine große Diskussion über rassistische Attacken ultraorthodoxer Juden auf Mädchen aus orientalischen Familien. Das läuft alles öffentlich, da wird nichts unter den Teppich gekehrt.