Angie und die Brandstifter
Von Henryk Broder
Wir schreiben das Jahr 2010. Vor fast 21 Jahren fiel die Mauer. Seit 20 Jahren ist Deutschland wieder vereint. Es wird zum ersten Mal in seiner Geschichte von einer Frau regiert, dazu einer, die ihre politische Karriere als Sekretärin für Agitation und Propaganda bei der Freien Deutschen Jugend der DDR begonnen hat. Deutsche Truppen stehen am Hindukusch, patrouillieren am Horn von Afrika, im Sudan, auf dem Balkan und vor der libanesischen Küste. Deutschland wird von einem schwulen Außenminister vertreten, der Stellvertreter Christi auf Erden ist ein Deutscher. Im Fußball sind wir Weltmeister der Herzen und im Maschinenbau Exportweltmeister.
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Diejenigen, die über Sarrazin herfallen, tun es nicht, weil er mit seinen Thesen danebenliegt, sondern weil er im Prinzip recht hat. Er sagt kaum etwas, das nicht schon bekannt wäre, er fasst nur viele Einzeldaten zu einer Lieferung zusammen.
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Die eigenen Zweifel sollen unterdrückt werden. Sarrazin ist der klassische Sündenbock. Er wird mit den Sünden der Gesellschaft beladen und in die Wüste hinausgejagt. Wir erleben ein archaisches Ritual im Hightechformat. Die Selbstgerechten aller Klassen und Fraktionen treten zur virtuellen Steinigung an.
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Deutschland einig Vaterland. Und nebenbei nimmt auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung eine erneuerte DDR wieder Gestalt an. Als ob es noch nicht genug wäre, dass die Kanzlerin ein Buch als "wenig hilfreich" disqualifiziert, deutet der von ihr protegierte Bundespräsident an, was mit dem Autor des Buches passieren sollte, indem er durch die Blume der Bundesbank empfiehlt, sich von ihm zu trennen. Die Bundesbank greift die subtile Empfehlung auf, und der überraschte Bundespräsident erklärt, er werde den Vorschlag "prüfen". Denn der "mündige Bürger" ist nicht in der Lage, selber zu entscheiden, was er lesen möchte; er soll auch nicht merken, wie er verarscht wird