WELT / 28.11.2019 von Antonia Kleikamp
* ANDREJ WLASSOW
Der sowjetische General, der mit seiner Armee für Hitler kämpfte
Weil Stalin seine Truppe verheizt hatte, bot der sowjetische General
Wlassow den Nazis den A
ufbau einer
Kollaborationsarmee an. Da diese 1
945 in Prag die Seiten wechselte, soll ihr dort ein
Denkmal errichtet werden.
Der Feind des Feindes ist ein Freund: Rein logisch ist das richtig. Politisch kann derlei jedoch ein Problem werden.
Das zeigt ein
Streit, der gerade zwischen der
Tschechischen Republik und
Russland hochkocht. Der Bürgermeister des Prager Stadtteils Reporyje, Pavel Novotny, will nämlich für den ehemaligen sowjetischen General
Andrej Andrejewitsch Wlassow ein
Denkmal aufstellen lassen. Das kündigte er in einem Schreiben an den russischen Präsidenten
Wladimir Putin an, das jetzt in Moskau für Aufregung sorgt. Denn
Wlassow (1901–1946) war der
ranghöchste Offizier der
Roten Armee, der je zu Hitler
überlief.
...
Auch
Wlassow selbst fiel am
12. Juli 1942 der Wehrmacht in die Hände, nachdem er sich noch zwei Wochen lang
verborgen hatte. Desillusioniert von den Befehlen der Stawka, stellte er sich
gegen Stalin und
bot an, aus gefangenen Rotarmisten eine
antibolschewistische Armee aufzubauen, die an der
Seite der
Wehrmacht kämpfen sollte. Zunächst aber bildete er Ende 1942 nur eine Gruppe gleich gesinnter Offiziere in Kriegsgefangenschaft, das
„Smolensker Komitee“. Es unterzeichnete Flugblätter mit
antibolschewistischer Propaganda, die hinter der Front abgeworfen wurden, und trat bei
Propagandaveranstaltungen im besetzten Teil der Sowjetunion auf.
Das
„Smolensker Komitee“ entsprach damit weitgehend, nur auf der entgegengesetzten Seite, dem einige Monate später gegründeten
„Bund deutscher Offiziere“ in der UdSSR. Hingegen handelte es sich beim oft als Parallele angeführten „Nationalkomitee Freies Deutschland“ um eine von deutschen Kommunisten beherrschte Gruppe.
Eigentlich aber wollte
Wlassow nicht der „
Posterboy“ deutscher Propaganda sein, sondern
Stalin besiegen. Er hielt an seinem Angebot fest, wurde dabei auch von jüngeren Stabsoffizieren wie
Hellmuth Stieff oder
Claus Graf Stauffenberg gefördert. Am
8. Juni 1943 war der Vorschlag Thema bei einer Besprechung auf dem Berghof, der Alpenresidenz Hitlers.
Der Diktator lehnte ab:
„Wir bauen nie eine russische Armee auf, das ist ein Phantom ersten Ranges.“ Er brauche Arbeiter, nicht aber „eine russische Armee, die ich absolut mit lauter deutschen ,Korsettstangen’ durchziehen muss“.
So bleibt Wlassow zunächst nur die Rolle als Propagandafigur. Joseph Goebbels lobte in seinen täglichen Diktaten, wie der abtrünnige General diese Rolle ausfüllte:
„Unsere Wlassow-Propaganda bereitet den Bolschewisten außerordentliche Schwierigkeiten“, hieß es am 20. August 1943.
Doch auch der Plan einer Armee aus russischen Freiwilligen blieb aktuell. Besorgt hielt Goebbels am
19. Oktober 1943 über entsprechende Tendenzen bei der deutschen Heeresgruppe Süd fest:
„Man glaubt, dass man mit dem Wlassow-Experiment weiter gehen könnte. Diese unpolitischen Offiziere wären imstande, dem General Wlassow eine Armee von Hunderttausenden in die Hand zu geben.“
Goebbels, ebenso Rassist und Hasser alles Slawischen wie Hitler, sorgte sich, dass sich diese Armee „bei der ersten Krise natürlich sofort gegen uns wenden würde“.
Doch vor allem SS-Chef Heinrich Himmler redete immer wieder auf Hitler ein, und im Sommer 1944 stimmte sein „Führer“ zu:
„Endlich ist nun bei uns eine Entscheidung über die russische Widerstandsbewegung und General Wlassow gefallen. Wlassow soll von uns eine gewisse Anerkennung erfahren“,
diktierte Goebbels am 29. August 1944.
Ab
Herbst 1944 begann die Rekrutierung unter den noch lebenden sowjetischen Kriegsgefangenen in deutscher Hand – zu einem Zeitpunkt, als der bevorstehende Sieg der Anti-Hitler-Koalition bereits absehbar war. Dass sich dennoch Tausende Freiwillige für die sogenannte
Russische Befreiungsarmee meldeten, hing nicht zuletzt mit
Stalins Haltung gegenüber Kriegsgefangenen zusammen, denen er
mangelhafte Opferbereitschaft im Dienst der sowjetischen Sache unterstellte.
Auf dem
Truppenübungsplatz Münsingen bei
Stuttgart wurden die ersten Einheiten aufgestellt. Angaben über ihre Stärke schwanken, denn mal werden zur Wlassow-Armee andere Freiwilligenverbände aus ehemaligen Sowjetbürgern hinzugerechnet, die erst später oder gar nicht dazugehörten. Im Kern hatte diese Truppe etwa
50.000 Mann, zwei einigermaßen vollständige Infanteriedivisionen, eine Panzerjägerbrigade sowie einige Unterstützungsverbände.
Ab der
Jahreswende 1944/45 kamen erste Verbände der Russischen Befreiungsarmee zum Einsatz, sowohl an der Ost- wie an der Westfront. Als einigermaßen geschlossener Verband operierte lediglich die 600. Infanteriedivision, der erste Großverband der Wlassow-Armee. Sie zog sich im
April 1945 durch
Thüringen in den
Raum Prag zurück.
Hier wechselte, offenbar mit Einverständnis von Andrej Wlassow, der Divisionskommandeur Generalmajor Sergej Bunjatschenko, der bis zu seiner Gefangennahme 1942 eine Division der Roten Armee geführt hatte, die Seiten: Seine Soldaten kämpften beim Prager Aufstand Anfang Mai 1945
gegen die deutschen Besatzungstruppen.
Dieser
Seitenwechsel ist der Hintergrund für den Plan von Bezirksbürgermeister Pavel Novotny,
Wlassow stellvertretend für seine Armee zu ehren. Unter Historikern gilt als gesichert, dass Wlassow hoffte, seine Truppe könnte im wiedererstandenen Land eine neue Heimat finden – im
Russischen Bürgerkrieg hatte eine
Tschechoslowakische Legion aufseiten der
Weißen gegen die Roten gekämpft und später den Kern der neuen tschechoslowakischen Armee gebildet. Das Kalkül ging nicht auf. Die 600. Infanteriedivision ging in Kriegsgefangenschaft der Westalliierten oder der Tschechen und wurde zum großen Teil an die Sowjetunion
ausgeliefert; ihre Soldaten wurden
erschossen oder
verschwanden im Gulag.
Wlassow, Bunjatschenko und einigen weiteren hohen Offizieren ließ Stalin den Prozess machen. Sie wurden wegen Verrates und Kollaboration zum Tode verurteilt und gehängt.
Im heutigen Russland, das in vielem bewusst und betont unkritisch an die Stalin-Ära und die Zeit des „Großen Vaterländischen Krieges“ anknüpft, gelten Wlassow und seine Armee noch immer als
Verräter. Deshalb stößt der Vorstoß des Prager Kommunalpolitikers auf heftige Kritik. Die
russische Botschaft in Tschechien hat gegen die Denkmal-Pläne
protestiert.
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