
Zitat von
A-Lincoln
Ich gehe ein Stück mit – aber genau an den Stellen, an denen du Sicherheit behauptest, wird es analytisch wackelig.
Der Faktor Zeit arbeitet nicht per se für uns. Das ist kein Naturgesetz, sondern eine Hoffnung. Zeit verstärkt bestehende Trends – und die sind in Europa eben nicht nur Einigung und Profilbildung, sondern auch Ermüdung, Zielkonflikte, innenpolitischer Druck und very europäische Selbstbeschäftigung.
Ein äußerer Feind kann Integration beschleunigen, ja. Er kann sie aber genauso gut zerfasern, sobald die Kosten ungleich verteilt sind. Geschichte liefert dafür mindestens genauso viele Beispiele wie für die Phalanx-Erzählung.
Auch der Rückgriff auf den Kalten Krieg greift zu kurz. Der NATO-Doppelbeschluss bewies seine Richtigkeit nicht, weil er hart war, sondern weil er eingebettet war: in Rüstungskontrolle, Gesprächskanäle, Eskalationsmanagement und gegenseitige Berechenbarkeit.
Reagan war kein Comic-Held, der durch Härte allein ein Imperium zu Fall brachte, sondern Teil eines Systems, das Druck und Ventile kombinierte. Das wird in der Rückschau gern auf klare Kante reduziert – analytisch ist das zu simpel.
Zur coercive diplomacy: Macht ist notwendig, aber sie wirkt nicht linear. Gerade atomar bewaffnete Staaten reagieren nicht nach dem Muster mehr Druck = mehr Einlenken. Abschreckung kann stabilisieren, sie kann aber auch Verhärtung erzeugen. Zu behaupten, Autokraten verstünden ausschließlich Macht, ist selbst eine Form von Wunschdenken – sie verstehen sehr wohl Kosten, Risiken, Elitendynamiken und Gesichtsverlust. Nur eben nicht immer so, wie wir es gern hätten.
Und der Satz der gemeinsame Feind zwingt uns zur Einigung ist politisch bequem, aber gefährlich. Einheit, die nur über Bedrohung funktioniert, ist fragil. Sie hält so lange, wie Angst trägt – nicht so lange, wie Interessen deckungsgleich sind. Das ist keine Stärke, sondern eine Abhängigkeit.
Kurz gesagt: Du liegst richtig, dass Macht, Abschreckung und Zeit eine Rolle spielen. Du liegst falsch, wenn du daraus eine fast automatische Erfolgsgarantie ableitest. Internationale Politik ist kein Fitnessprogramm, bei dem man durch langes Durchhalten automatisch stärker wird. Man kann sich auch überdehnen - siehe die Sowjetunion. Und genau das Risiko blendet deine Argumentation aus.