Die Zeit Online /
08. Mai 2018 / von Richard C. Schneider / Tel Aviv
Israel und Iran
Die Zeichen stehen auf Krieg
...
Ein Krieg, wie ihn die Region noch nicht erlebt hat
Die Bombardierung mehrerer Ziele vor rund 10 Tagen, bei der über 200 iranische Raketen zerstört worden sein sollen, werden ebenfalls Israel zugeschrieben. Angeblich hatte der Iran diese Raketen für einen Vergeltungsschlag gegen Israel nach Syrien gebracht. Den Vergeltungsschlag hatte der Iran als Reaktion auf die Zerstörung von "T4" angekündigt. Seitdem ist die israelische Armee in ständiger Alarmbereitschaft. Das ganze Land wartet darauf, was Teheran tun wird. Und droht mit massiver Vergeltung. In Syrien, aber sogar im Iran selbst.
Was sich hier im Nahen Osten zusammenbraut ist möglicherweise ein Krieg, wie ihn Israel, ja die gesamte Region so noch nicht erleben musste. Dass dieser Tag möglicherweise schon bald kommen wird, hat eine
lange Vorgeschichte.
Man schrieb das Jahr
1993, das
Oslo-Abkommen war soeben im Rosengarten des Weißen Hauses unterschrieben worden, Israels Premierminister
Jitzchak Rabin hatte
Yassir Arafat, dem PLO-Führer, die Hand gegeben. Viele hofften, es werde nun eine
Ära des
Friedens beginnen.
...
Ein Jahr vor dem Oslo-Abkommen hatte der Islamische Dschihad, eine palästinensische Terrororganisation, ein Attentat auf die israelische Botschaft in Buenos Aires verübt. Es war eine Reaktion auf die Tötung des damaligen Hisbollah-Generalsekretärs Abbas al-Musawi, der nach Überzeugung der Dschihadisten von den Israelis ermordet worden war. Die logistische Planung war sehr wahrscheinlich mit Hilfe schiitischer, vom Iran gesteuerter Kräfte erfolgt. 1994 kam es dann zum schwersten Bombenanschlag in der Geschichte Argentiniens. Bei dem Angriff auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires starben 87 Menschen, mehr als Hundert wurden verletzt. Hinter dem Anschlag vermutete man die Hisbollah und den Iran. Die Hisbollah hatte bereits in den Achtzigerjahren gegen die israelische Invasion im Libanon gekämpft und unterstand dem Befehl Teherans.
Die
israelische Führung verstand, dass mit der
Hisbollah und dem
Iran ein Gegner erwuchs, der langfristig ein viel
größeres Problem darstellte als die arabischen Staaten oder die Palästinenser. Nachdem Israel 1979 mit Ägypten und 1994 mit Jordanien einen Friedensvertrag geschlossen hatte, war als einziger Nachbarstaat nur noch Syrien ein Problem. Doch in Damaskus wusste man, dass die eigene Armee der israelischen weit unterlegen war, an der Grenze blieb es jahrzehntelang ruhig. So wurde der Iran als Drahtzieher im Hintergrund zur größten Bedrohung Israels. Die Hisbollah attackierte Israel mit Raketen oder Anschlägen, was zu vielen Gefechten an der libanesisch-israelischen Grenze führte. Diese intensivierten sich nach dem Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon im Jahr 2000.
Im Sommer 2006 brach der
zweite Libanonkrieg aus, nachdem die Hisbollah auf israelischem Territorium einen Armee-Jeep überfallen und zwei israelische Soldaten entführt hatte. In den darauf folgenden Wochen feuerte die Hisbollah Tausende Raketen auf israelisches Gebiet ab. Zwar konnte die israelische Armee der Hisbollah großen strategischen Schaden zufügen, vollständig besiegen konnte sie die Gruppe aber nicht. In Israel nahm man diesen Krieg in der öffentlichen Meinung als Niederlage wahr.
Der
Iran wurde für
Israel auch im Süden des Landes zum Problem. Teheran unterstützt seit Jahren sowohl finanziell als auch mit Waffen Gruppen wie den Islamischen Dschihad in Gaza, ebenso mit kurzen Unterbrechungen die islamistische Hamas, die seit 2007 in dem Küstenstreifen das Sagen hat. Und so wird Israel heute vom Iran vom Norden und vom Süden her bedroht.
Doch warum wurde der Iran überhaupt zum größten Feind Israels?
David Ben-Gurion, der Staatsgründer und erste Premierminister Israels, hatte früh nach Verbündeten im Nahen Osten gesucht. Drei Staaten kamen für ihn in Frage, Staaten, die nicht arabisch waren, und somit Gegner oder gar Feinde der arabischen Welt waren: Die
Türkei, Persien und
Äthiopien.
Die Islamische Revolution 1979 änderte alles
Während Äthiopien als politische oder militärische Macht schnell unwichtig wurde, waren die Allianzen, die Ben-Gurion mit
Ankara und
Teheran schmiedete, strategisch von großer Bedeutung. Die
Beziehung zwischen
Israel und dem
persischen Regime des
Schahs war eng und natürlich gewachsen. Seit
2500 Jahren existierte in
Persien eine
jüdische Diasporagemeinschaft, die bestens im Land integriert war. Heute leben im Iran noch knapp
30.000 Juden.
Mit der
Islamischen Revolution und dem
Sturz des Schahs 1979 änderte sich alles. Revolutionsführer Ayatollah Khomeini erklärte nicht nur die
USA, sondern auch
Israel zum Feind. In jedem iranischen Pass steht bis heute ein Passus, dass das Dokument für alle Staaten gelte außer für
"occupied Palestine" – und damit ist ganz Palästina gemeint, also auch der Teil, der heute international als Kernland Israels angesehen und völkerrechtlich als jüdischer Staat anerkannt ist.
Die Drohungen aus Teheran sind deutlich
Khomeini begriff schnell, dass der Kampf gegen die Zionisten ein wichtiges Element war, um die Herzen der "arabischen Straße" zu erobern. Die schiitische Islamische Revolution sollte ja irgendwann auch in andere muslimische, sunnitische Staaten exportiert werden, es lag also nahe, sich zum Anwalt der unterdrückten Palästinenser zu machen, die den arabischen Gesellschaften wichtig sind. Anders übrigens als den arabischen Machthabern, für die die Palästinenser stets nur ein Spielball machtpolitischer Interessen waren.
Das gilt zwar auch für die schiitische Führung in Teheran, doch auf deren Weg zum eigentlichen Ziel, die Hegemonialmacht im Nahen Osten zu werden, bedienten sie sich der Propagandamaschinerie geschickter.
Die
aktuellen Kriege im
Nahen Osten sind inzwischen zu
Stellvertreterkriegen in der Konfrontation sunnitischer Staaten, vor allem Saudi-Arabien, mit dem schiitischen Iran geworden. Iran versucht geostrategisch vorzugehen und zwei "schiitische Halbmonde" zu entwickeln. Der eine soll von Teheran über Bahrein bis nach Gaza führen. Der andere, vom Libanon über Syrien und den Irak nach Teheran, ist beinahe vollzogen, jetzt, wo der Krieg in Syrien zugunsten Assads und damit auch des Irans fast entschieden ist.
Die Drohungen, die der Iran seit Jahrzehnten in Richtung Israel sendet, sind deutlich. Der frühere radikale iranische Premier Ahmadinejad kündigte an, man werde Israel von der Landkarte tilgen, der aktuelle iranische Führer, Ayatollah Khamenei, verkündet regelmäßig ähnliches. Die Tatsache, dass man im Norden und im Süden bereits eine "Grenze mit Teheran" hat, ebenso wie das langjährige Atomprogramm des Iran, sind selbst für linke Israelis Grund genug, die Vernichtungsdrohungen ernst zu nehmen.
Im Ausland, vor allem in Europa, sind viele überzeugt, dass eine Nuklearmacht Iran niemals eine Bombe über Tel Aviv zünden würde, weil die Mullahs ja wüssten, dass Israel hundertfach zurückschlagen würde.
Viele Israelis, allen voran Premier Netanjahu, halten diese Beschwichtigungsversuche Europas für wohlfeil. Man hatte auch die Ankündigungen Adolf Hitlers in Mein Kampf für Unsinn gehalten, ein zweites Mal könne sich das jüdische Volk solch ein Fehlurteil nicht erlauben. Das Zünden einer Atombombe über Israel wäre das sichere Ende des jüdischen Staates, das Zünden vieler Atombomben über dem riesigen Persien aber nicht zwangsläufig das Ende des Irans.
Die große "Bibi-Show"
Berechtigte Sorgen plus das
politische Spiel Benjamin Netanjahus mit den
Urängsten des jüdischen Volkes:
Das ist das problematische Gemisch, das das Handeln der politischen Führung in Israel derzeit bestimmt. Schon einmal schien Netanjahu soweit, den Iran anzugreifen. Im Spätsommer 2012
vereitelten der
israelische Generalstab und die
Geheimdienstchefs das
Ansinnen Netanjahus. Doch
heute sind sich Netanjahu und das Militär einig: Der Iran darf sich nicht in Syrien festsetzen.
Bereits jetzt soll es in Syrien eine Miliz von rund 20.000 Kämpfern geben, die von Teheran ausgebildet wird und ähnlich agieren soll wie die Hisbollah im Libanon. Viele Militärberater der iranischen Revolutionsgarden befinden sich in Syrien, zudem hat der Iran in den vergangenen Monaten begonnen, Militär- und Waffenlager in Syrien aufzubauen, die in den letzten Wochen eben zunehmend ins Fadenkreuz der israelischen Air Force gerieten.
Netanjahu versucht Teheran zu provozieren
Nur einen Tag nach dem letztem Angriff auf iranische Ziele in Syrien folgte der große Medienauftritt Netanjahus, die inszenierte Show eines Mossad-Coups, der sicherlich ein geheimdienstliches Kunststück war: Die Entwendung des Atomarchives aus Teheran und dessen Überführung nach Tel Aviv, das im Einzelnen zeigte, wie weit das militärische Atomprogramm des Irans einst war.
Doch warum die große "Bibi-Show"?
Warum breitet Israels Premier eine Aktion des Mossad vor der Weltöffentlichkeit aus? Noch dazu hatte Netanjahu
keinen Beweis dafür, dass Gefahr im Verzug ist und man deswegen das Atomabkommen mit dem Iran aufkündigen müsse. Die Medien waren sich schnell einig: Bibi versuchte seinem Freund im Weißen Haus die
letzten Argumente zu liefern, um das auch von ihm
gehasste Abkommen des Barack Obama
platzen zu lassen.
Das war sicher ein Grund, warum Bibi diese
Inszenierung zur besten Sendezeit suchte und Englisch sprach. Er wollte die Aufmerksamkeit aller amerikanischen Sender haben, von CNN bis Fox NEWS, darüber hinaus aber auch die iranische Führung vorführen. Der israelische Premier versucht Teheran zu einer übereilten Reaktion zu
provozieren – um dann der Welt zu zeigen, wie gefährlich der Iran wirklich ist.
Es ist ein gewagtes Unterfangen. Doch Militärs und Politik scheinen sich einig:
Die Konfrontation kommt sowieso. Also lieber jetzt als später. Lieber jetzt, wo die US-Truppen noch in Syrien stationiert sind und sich der Iran noch nicht vollständig in Syrien breit machen konnte. Lieber jetzt, da die sunnitischen Staaten, allen voran Saudi-Arabien, froh wären, wenn Israel den gemeinsamen Feind in die Schranken weisen könnte.
Ob diese Rechnung aufgeht? Die Angst ist in Israel überall spürbar, vor dem Iran, aber auch vor der eigenen Politik. Viele Israelis glauben, Netanjahu könnte die Konfrontation mit dem Iran missbrauchen, um sich an der Macht zu halten und von den Korruptionsvorwürfen gegen ihn abzulenken. Nur deswegen würde der an sich zögerliche Netanyahu wohl keinen Krieg beginnen. Aber niemand kann sicher sein, dass Bibis Kalkül aufgeht und womöglich etwas in Bewegung setzt, was bald
niemand mehr
kontrollieren kann.
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