Eine kleine Geschichte
des Erdöls
Bereits in der Vorgeschichte wurde Erdöl verwendet, etwa zum Abdichten von Booten. Die moderne Geschichte beginnt mit der Nutzung von Petroleum als Lampenöl und Edwin Drakes Entdeckung einer unterirdischen Ölquelle in Titusville. Als Treibstoff der Industriegesellschaft beginnt die goldene Zeit des Erdöls:
Erdöl entscheidet
Kriege und trägt maßgeblich zum materiellen Wohlstand der Industriegesellschaften bei – wird aber selbst auch zum
Auslöser von
Krisen und
Kriegen.
Wie alles anfing
Erdöl (zu seiner >> Entstehung) wurde vom Menschen schon in der Vorgeschichte genutzt: An der Oberfläche austretendes Erdöl wird durch den Kontakt mit Sauerstoff zu asphaltähnlichem Bitumen, das bereits vor
12.000 Jahren in
Mesopotamien zum Abdichten von Booten verwendet wurde. In
Babylonien wurde Erdöl vermutlich bereits zur Beleuchtung verwendet – es hieß dort
“naptu”, abgeleitet von “nabatu” = leuchten, das Wort ist der Ursprung des griech.
naphtha für
Erdöl.
Erdöl als
Heilmittel wurde schon ab dem 9. Jahrhundert von islamischen Herrschern in Baku (im heutigen
Aserbaidschan) gehandelt; und auch die
nordamerikanischen Indianer behandelten damit Wunden.
Die
moderne Geschichte des Erdöls begann, als in den USA der New Yorker Rechtsanwalt
George Bissell die Idee hatte, Petroleum (“Steinöl” – zur Unterscheidung von Pflanzenöl und Tierfett) als
Brennstoff für Lampen zu verwenden –
Walrat und
Walöl waren aufgrund der selten gewordenen Wale zu
teuer geworden.
Bissell glaubte, dass es unter der Erde größere Mengen dieses Stoffes geben müsse. Die von ihm mitgegründete Pennsylvania Rock Oil Company beauftragte den pensionierten Eisenbahner Edwin Drake damit, nach Öl zu bohren – 1859 fand Drake in Titusville, Pennsylvania, eine ergiebige Ölquelle. Bissells Vermutung war damit bewiesen. Titusville erlebte den ersten Ölboom der Geschichte, Ende 1860 förderten hier bereits 75 Ölbrunnen. Petroleum wurde zu einem erfolgreichen Lampenöl und Bissell ein reicher Mann.
Öl wird zum globalen Geschäft
Öl war zur richtigen Zeit gekommen: 1865 war der amerikanische Bürgerkrieg zu Ende; die nun richtig in Schwung kommende
Industrialisierung, die
Erschließung des
Westens und die E
inwanderungswelle aus
Europa schufen einen
riesigen Markt.
Dessen Potenzial hatte ein geschäftstüchtiger junger Kaufmann namens
John D. Rockefeller rechtzeitig erkannt. Er stieg in den Ölhandel ein – und wurde damit zum reichsten Mann der Welt. Rockefeller kümmerte sich um alles, was mit Öl zusammenhing, vom Anbau von Eichen für Ölfässer bis hin zu eigenen Lagerhäusern.
1870 gründete er die
Standard Oil Company, die bald den größten Teil der amerikanischen Raffineriekapazität kontrollierte und auch in die
Ölförderung einstieg.
Und die Öl exportierte: Auch
Europa brauchte gutes, billiges Licht und Schmieröl.
Wie in den USA
unterbot Rockefeller auch in Europa jeden Konkurrenten und versuchte, dessen Geschäft zu übernehmen; Standard Oil wurde zum ersten
multinationalen Konzern. 1871 wurde Rockefellers Monopolstreben aber gefährdet: Bei Baku am Kaspischen Meer wurde Öl entdeckt; die dortige Ölförderung und -raffinierung wurde bald durch Ludwig und Robert
Nobel (Brüder des Nobelpreisstifters Albert Nobel) beherrscht. Ludwig Nobel, der auch der “russische Rockefeller” genannt wurde, sollte das Tankschiff erfinden. Es wurde ab 1878 auf dem Kaspischen Meer genutzt; Mitte der 1880er Jahre erwies es sich auch als hochseetauglich. Die Produktion in Russland war größer als die russische Nachfrage, und die Nobels suchten nach neuen Märkten.
Unterstützt wurden sie dabei von der
Bankiersfamilie Rothschild aus Paris, die eine Eisenbahnstrecke zum Schwarzen Meer
finanzierte, die dem russischen Öl den Zugang zu westeuropäischen Märkten erleichterte. Die
Rothschilds sollten bald auch
eigene Ölquellen und Raffinerien in Baku
kaufen und zum Konkurrenten für die
Nobels – und
Rockefeller – werden.
...
Standard Oil wurde 1911 vom obersten Gericht der USA zerschlagen. Für eine der Töchter,
Standard Oil of Indiana, hatte unterdessen der Chemiker William Merriam Burton herausgefunden, wie man
lange Kohlenstoffketten aufbrechen konnte
(“cracken”) – damit konnte die Ausbeute an Benzin aus Rohöl mehr als
verdoppelt werden. Gerade rechtzeitig:
1910 übertraf der Absatz von Benzin erstmals den von Petroleum.
Währenddessen war
1907 in Asien die
Royal Dutch/Shell Group entstanden:
Royal Dutch förderte Öl auf
Sumatra im niederländischen Ostindien;
Shell war aus einer Handelsgesellschaft hervorgegangen, die er Händler
Marcus Samuel aufgebaut hatte –
Samuel war der Mann, der für die
Rothschilds Asiens Märkte erschließen sollte. Das in Asien gefördert Öl war besonders zur Herstellung von Benzin geeignet, und
1912 wurde die Gruppe auch in Amerika aktiv.
Der Kämpfe um den Ölmarkt zwischen
Rockefeller, den
Nobels, Rothschilds und
Samuel gingen als “Ölkriege” in die Geschichte des Erdöls ein.
1908 wurde auch in
Persien Öl gefunden; und
1914 sicherte sich die
britische Regierung 51 Prozent an der
Anglo-Persian Oil Company (aus der später BP werden sollte):
So wollte sie sich den
Zugang zum
Öl sichern, das eine
strategische Bedeutung hatte – der
britische Marineminister Winston Churchill hatte sich nämlich entschlossen, neue Großkampfschiffe mit Öl anzutreiben. Schiffe mit Verbrennungsmotoren waren schneller: Im Wettlauf mit Deutschland, das im Zuge der “Weltpolitik” Kaiser Wilhelm II. mit der
englischen Flotte gleichziehen wollte, war dies ein wesentlicher Vorteil. Churchill sah wie viele Engländer damals einen Krieg heraufziehen, und tatsächlich erklärte am
1. August 1914 Deutschland Russland den Krieg:
Der erste Weltkrieg hatte begonnen
Der erste Weltkrieg
Er wurde zur Katastrophe: Die Errungenschaften der industriellen Revolution wurden für die Kriegsführung nutzbar gemacht – rund 10 Millionen Tote und ein Mehrfaches an Verwundeten und Vertriebenen waren der Preis. Öl sollte eine entscheidende Rolle spielen, aber weniger bei der Flotte (abgesehen von der Rolle, die die deutschen – dieselgetriebenen – Unterseeboote spielten), sondern auf dem Land: Der erste Weltkrieg wurde zum ersten motorisierten Krieg. Lastwagen transportierten Truppen und Nachschub, Panzer beendeten schließlich den Stellungskrieg, und Flugzeuge wurden zuerst zur Aufklärung, später auch zur Bombardierung des Feindes genutzt – Kriegsführung erhielt eine ganz neue Dimension. Damit wurde der
Ölnachschub tatsächlich kriegsentscheidend, und als 1917 Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wiederaufnahm und immer mehr Tankschiffe der Alliierten versenkten, drohte deren Nachschub zu stocken.
...
Im Jahr
1932 wurde auf der kleinen
Insel Bahrain auf der
arabischen Seite des
Persischen Golfs Öl gefunden; damit rückte das im gleichen Jahr
entstandene Königreich
Saudi-Arabien in das
Blickfeld der
Ölkonzerne. Den Zuschlag für die Suche in dem im Osten des Königreichs vermuteten Ölfeld al-Hasa erhielt
Standard Oil of California – ein historischer Moment, der den Einfluss der USA in der Region begründete.
1938 fand die von der amerikanischen
Gulf Oil und der
Anglo-Persian gegründete
Kuwait Oil Company das Burgan-Ölfeld, das bis heute zweitgrößte Ölfeld der Welt; wenige Wochen später war
Standard in
Saudi-Arabien fündig – in der Nähe der heutigen Ölstadt Dhahran und des Erdölhafens Ras Tanura. Aber die
Förderung konnte zunächst
nicht beginnen – der Zweite Weltkrieg unterbrach alle Zukunftspläne.
...
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