Iran: Revolution und Konterrevolution 1978-1981 (Auszug)
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Die
iranische Revolution von
1978/79 brachte eine ungeheure
Beteiligung der Volksmassen an den gesellschaftlichen Prozessen hervor. Millionen Iranern – Arbeiter, Arbeitslose, Studierende, Frauen, Perser, Kurden, Aserbaidschaner, Belutschen, Araber, Kleinhändler, Bauern, Intellektuelle, Soldaten – beteiligten sich an
Massendemonstrationen, Straßenschlachten mit den Staatsorganen der Schah-Diktatur,
Streiks.
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Der Iran im 20. Jahrhundert
Die
Geschichte Irans im 20. Jahrhundert ist eine Geschichte der
Abhängigkeit von
imperialistischen Mächten, von gescheiterten Versuchen eine bürgerliche Demokratie zu etablieren,
extremer Ausbeutung der
Massen und
brutaler Unterdrückung der
Arbeiterbewegung. Sie bestätigt eine Grundannahme von Leo Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution:
In Ländern mit verspäteter bürgerlicher (kapitalistischer) Entwicklung ist die Kapitalistenklasse nicht in der Lage nationale Unabhängigkeit, Entwicklung der Volkswirtschaft, Demokratie und gesellschaftlichen Fortschritt durchzusetzen. Die Ergebnisse der revolutionären Ereignisse von 1906, 1953 und 1978/79 belegen diese Unfähigkeit des Bürgertums.
Der Iran war zwar niemals eine
formale Kolonie eines imperialistischen Landes, faktisch aber war er seit dem 19. Jahrhundert ein
quasi-kolonialisiertes Land, eine
Halb-Kolonie, in ökonomischer und politischer Abhängigkeit vor allem von
Großbritannien und
Russland. Diese beiden Staaten hatten
1907 einen
Vertrag über die
Aufteilung des Iran in
drei Zonen abgeschlossen: zwischen der
russischen Zone im
Norden und der
britischen im
Süden gab es eine neutrale Pufferzone.
Bis zur Entdeckung der
Erdölvorkommen 1908 dominierte die Landwirtschaft den Iran. Nur
zehn Prozent der Bevölkerung lebte in Städten, wo sich ein Handelskleinbürgertum entwickelte – die so genannten Basaris, die bis heute einen wichtigen Teil des iranischen Bürgertums ausmachen.
Die
Ölfelder im
Südwesten des Landes wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts von der
Anglo-Persischen Ölgesellschaft kontrolliert. 1906 wurde als Folge einer den Widerstand gegen die imperialistische Dominanz zum Ausdruck bringenden bürgerlichen Revolutionsbewegung die absolute Macht der seit 1775 herrschenden Kadscharen-Dynastie gebrochen und eine konstitutionelle Monarchie eingeführt, also ein beratendes Parlament, das Madschlis, gegründet, was aber die imperialistische Dominanz und die Herrschaft der Monarchie
nicht brechen konnte – kein Wunder, hatten doch nur die besitzenden Klassen Stimmrecht. Schon 1911 wurde das Madschlis wieder
aufgelöst.
Die
Anglo-Persische Ölgesellschaft machte
gigantische Gewinne, von denen nur ein
Bruchteil im Iran selber landeten. Zwischen
1912 und
1933 betrugen diese zum Beispiel
200 Millionen britische Pfund, wovon nur
16 Millionen als Abgaben an die persische Regierung gezahlt wurden. Nach Ende des Ersten Weltkriegs hatte die Russische Revolution große Auswirkungen auf den Iran. Die neue, sozialistische Regierung in Russland
verzichtete weitgehend auf die für das Zarenreich bestehenden Konzessionsrechte, was ihr
Ansehen unter den Massen im Iran steigerte. 1920 wurde im nordiranischen Gilan eine Räterepublik ausgerufen, die
brutal niedergeschlagen wurde. Einer der Hauptführer der
konterrevolutionären Truppen war
Reza Khan, der von den imperialistischen Mächten
unterstützt wurde,
1921 einen
Militärputsch anführte und sich
1925 zum Schah (Kaiser) krönen ließ.
Unter
Reza Khan entwickelte sich eine
erste Phase der
Industrialisierung, die jedoch sehr einseitig verlief und den
Interessen von
Konzernen aus den
imperialistischen Ländern nicht entgegen lief. Diese konnten
profitabel Produktionsanlagen in den Iran
verkaufen. Reza Khan investierte 260 Millionen Pfund in den Aufbau der Industrie. Dies führte zum Wachstum der Arbeiterklasse in den
Ölregionen und einigen Städten, wie
Teheran, Isfahan oder
Täbriz – während das
Gros des
Landes weiterhin seiner
ökonomischen Rückständigkeit überlassen wurde.
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Als
Reza Khan im Zweiten Weltkrieg eine
Annäherung an Nazi-Deutschland erkennen ließ und sich der uneingeschränkten Kooperation mit den Alliierten
verweigerte, intervenierten Großbritannien und die Sowjetunion, was zur
Absetzung des Herrschers und zu seiner
Ersetzung durch seinen Sohn
Mohammad Reza Pahlavi führte, der der
ergebene Diener der
Imperialisten wurde.
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Teile des iranischen Bürgertums wendeten sich auch gegen die
Dominanz Großbritanniens, vor allem gegen die
imperialistische Ausbeutung der
Ölvorkommen. Die Nationale Front, ein bürgerlich-demokratisches Bündnis verschiedener Parteien, spielte dabei die entscheidende Rolle. Deren Führer Mohammed Mossadegh wurde 1951 Premierminister und das Parlament beschloss die
Verstaatlichung der
Ölindustrie. Diese Maßnahme, unter dem Druck der Bevölkerung ergriffen und so begrenzt wie sie war, wurde vom
Imperialismus als
Bedrohung betrachtet und rief eine
Wirtschaftsblockade der
westlichen kapitalistischen Staaten hervor.
Am
19. August 1953 organisierten die Geheimdienste
Großbritanniens und der
USA einen Putsch gegen die Regierung Mossadegh und
installierten Reza Pahlavi wieder als
Schah. Dieser war drei Tage zuvor aufgrund der
Massenproteste aus dem Land
geflohen.
Das
Pahlavi-Regime wurde in den darauf folgenden Jahren zu einem wichtigen
Statthalter des Imperialismus im Nahen Osten. Das
iranische Erdöl war für den Westen von
großer Bedeutung. Außerdem konnte der
Imperialismus durch den
Iran die Kontrolle über
wichtige Transportwege ausüben und sah in dem Land ein
wichtiges Gegengewicht gegen die
Sowjetunion.
Zu Beginn der
1960er Jahre kam es zu scharfen sozialen Spannungen und einem Generalstreik, der
brutal vom
Regime unter Einsatz des
Geheimdienstes SAVAK nieder geschlagen wurde. Um weiteren sozialen Kämpfen der Massen vorzubeugen und mit dem Ziel die Industrialisierung und Modernisierung des Landes voran zu treiben rief Schah Reza Pahlavi die
Weiße Revolution aus. Diese sah vor allem eine Landreform vor, die jedoch
weniger den
Kleinbauern zugute kam, als durch
üppige Entschädigungszahlungen an die
Großgrundbesitzer die Voraussetzung schaffte, dass diese in Industrie und Handel
investierten. Die Weiße Revolution traf die Geistlichkeit, deren wichtigste wirtschaftliche Basis der Großgrundbesitz war. Dies
verstärkte den
Konflikt zwischen schiitischem Klerus und dem Schah-Regime.
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Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre genoss der Iran
drastisch steigende Einnahmen aus dem Ölgeschäft. Diese stiegen zum Beispiel von
1965 bis
1969 von
522 Millionen US-Dollar auf
938 Millionen US-Dollar und
1974 auf
22 Milliarden US-Dollar. Diese Einnahmen ermöglichten dem Schah, ein Modernisierungs- und Infrastrukturprogramm durchzuführen. Gleichzeitig stiegen die ausländischen Investitionen. Die Industrialisierung setzte sich fort. Millionen Bauern gingen in die Städte und wurden Arbeiter. 1947 gab es im Iran 175 große Unternehmen mit 100.000 Arbeiter, 1972 waren dies 6.000 bzw. 1,8 Millionen.
Doch diese Entwicklung führte zu
wachsender sozialer Polarisierung und
nicht zu einem
wachsenden Lebensstandard für die
Massen.
Das galt umso mehr, nachdem der Boom 1976
ein Ende fand und der Schah seine Investitionsprogramme
einstellte. Steigenden Löhnen stand eine wachsende Inflation von über einhundert Prozent in den Jahren 1973 bis 1975 gegenüber. Ein
großer Teil der
Staatseinnahmen floss in den
Ausbau des repressiven Staats- und Militärapparates.
31 Prozent des Staatshaushaltes gingen in den
Verteidigungsetat. Der Schah wollte aus dem Iran die
siebtgrößte Macht der Welt machen und versuchte auch, eine gewisse Unabhängigkeit vom Imperialismus zu erlangen.
Hinzu kam eine
enorme Konzentration von
Reichtum in den Händen der
herrschenden Elite, nicht zuletzt der
Pahlavi-Familie selber. In den 1970ern wurden vierzig Prozent der Ausgaben von den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung getätigt. Die
führenden 45 Familien kontrollierten
85 Prozent der
größeren Unternehmen. Der Schah galt in den 1970ern als der
reichste Mann der Welt. Nach dem Ausbruch der revolutionären Proteste 1978 haben
178 Mitglieder der
herrschenden Elite eine
Milliarde britische Pfund ins Ausland geschafft. Hinzu kamen
eine Milliarde, die der Schah in diesem Zeitraum auf
Konten bei
US-Banken transferierte – zusätzlich zu einer
weiteren Milliarde Pfund, die ohnehin schon auf
Schweizer und anderen
ausländischen Konten lagen.
Dem standen in den 1970ern
katastrophale Lebens- und
Arbeitsbedingungen für die Massen gegenüber.
73 Prozent der
Beschäftigten verdienten
weniger als den gesetzlichen Mindestlohn. In
Hamadan wurde die
Arbeitszeit auf
18 Stunden verlängert. In
Mesched waren
zwei Drittel der Teppicharbeiter
Kinder zwischen
sechs und
zehn Jahren – trotz eines
Kinderarbeitsverbots bis zum
zwölften Lebensjahr! Mit dem Ende des Booms
stieg die
Arbeitslosigkeit rasant. In
Teheran entwickelten sich
riesige Slumgebiete, Krankheiten grassierten.
Das war der
soziale Hintergrund für die
wachsende Opposition gegen das Regime, die in der
Revolution von 1978/79 mündete.
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