Deutschlandfunk / 03.12.2018 / Archiv
Vor 40 Jahren
Aufnahme der ersten „Boatpeople“ in Deutschland
Der
Vietnamkrieg endete
1975. Um dem Elend des kriegszerstörten Landes und dem Terror des siegreichen kommunistischen Regimes zu entkommen, wagten rund
anderthalb Millionen Vietnamesen die Flucht übers offene Meer. Am
3. Dezember 1978 kamen die ersten so genannten
Boatpeople in Deutschland an.
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Kim Tan Dinh gehörte zu den vietnamesischen Flüchtlingen, die am Morgen des 3. Dezember 1978, aus Malaysia kommend, in Hannover-Langenhagen einem Flugzeug der Bundesluftwaffe entstiegen. Der 1951 geborene Kim hatte als
Fallschirmjäger in der südvietnamesischen Armee gekämpft.
Nach der
Kapitulation des
kapitalistisch orientierten Südens vor dem
kommunistischen Nordvietnam und der Wiedervereinigung im Jahr 1975 verbrachte sein Vater ein halbes Jahr in einem
Umerziehungslager 
und befürchtete danach weitere
Repressalien der neuen Machthaber.
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Zudem vertrieb die Regierung als Reaktion auf die Konflikte mit der Volksrepublik China systematisch die eigene chinesische Minderheit. Rund
1,5 Millionen Vietnamesen sahen als Ausweg nur die Flucht über das offene südchinesische Meer Richtung Malaysia, Indonesien und Thailand.
Spontane Aufnahme von 1.000 Boatpeople in Niedersachsen
Während Kim Tan Dinh die Überfahrt überlebte, ertranken
Hunderttausende im Meer, verdursteten und verhungerten in den Booten oder fielen Piraten zum Opfer.
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Die nahe Küste Malaysias oder Thailands vor Augen, ging die Odyssee der Vietnamesen weiter. Die so genannten
Boatpeople mussten auf ihren Schiffen ausharren oder wurden in überfüllte Lager gepfercht und warteten unter menschenunwürdigen Verhältnissen auf ihr weiteres Schicksal. Als die Bilder von den entkräfteten Flüchtlingen um die Welt gingen, entschied der niedersächsische Ministerpräsident
Ernst Albrecht spontan, die ersten
1.000 Boatpeople in seinem Bundesland aufzunehmen und schickte seinen Minister Wilfried Hasselmann nach Malaysia, um 163 Flüchtlinge von der schrottreifen „Hai Hong“ abzuholen.
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Gelungene Integration
Die Ankunft der Vietnamesen in Hannover geriet zu einem
Medienereignis. Eingehüllt in Decken des Roten Kreuzes, wurde den übermüdeten
Boatpeople in der Flughafenhalle an weiß gedeckten Tischen Suppe, Tee und Obst serviert. Einige Flüchtlinge, gezeichnet von Hunger, Durst und Verbrennungen, brachte man ins Krankenhaus. Die anderen, darunter Kim Tan Dinh, fuhren in das
Durchgangslager Friedland, das „
Tor zur Freiheit“, wie es genannt wurde, weil es erste Anlaufstation vieler DDR-Flüchtlinge gewesen war.
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Den ersten
163 Flüchtlingen folgten schließlich insgesamt knapp
40.000, darunter 10.000, die von dem Frachter „Cap Anamur“ gerettet wurden. Der Kölner Journalist Rupert Neudeck und seine Ehefrau Christel hatten Anfang 1979 die Initiative „Ein Schiff für Vietnam“ gegründet, um – mit der Unterstützung von prominenten Politikern und Schriftstellern wie Norbert Blüm, Martin Walser und Heinrich Böll – ein großes Schiff zu chartern und möglichst viele Boat People aufzunehmen.
* Den Vietnamesen blieb im Rahmen dieser humanitären Hilfsaktion ein langes Asylverfahren erspart, im Unterschied zu politischen Flüchtlingen aus Chile, Argentinien oder dem Nahen Osten, denen damals eine Vorzugsbehandlung verwehrt wurde, weil sie nicht vor einem kommunistischen Regime geflohen waren.
Ein entsprechendes Gesetz
privilegierte Kontingentflüchtlinge wie die Boatpeople gegenüber Asylbewerbern und begünstigte sie bei Sprachkursen sowie der Arbeits- und Wohnungssuche. Unter diesen Voraussetzungen, gepaart mit hoher Bildungsbereitschaft und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Eingliederung, gelang vielen Vietnamesen der wirtschaftliche und soziale Aufstieg. Sie gelten heute als Musterbeispiel gelungener Integration.
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