Die Erstürmung des Kapitols in Washington war kein Putsch und auch kein terroristischer Akt. Den Angreifern ging es vor allem um Bilder ihrer eigenen Ermächtigung und darum, den Sieg ihres politischen Gegners mit Füßen zu treten. Das lässt für die Zukunft das Schlimmste befürchten.
Bei aller Überrumpelung durch das Geschehen in Washington und bei allem Verständnis für das Greifen nach den drastischsten Vokabeln: Ein „Putschversuch“, wie es sofort hieß, war es gerade nicht. Denn wird nicht geputscht, indem Teile des Militärs auf der Seite der Angreifer stehen, Rundfunksender besetzt werden, Straßen blockiert? Wo wäre die Ersatzregierung gewesen? Wo die Attacke auf den Staat als Organisation? Geschminkte Träger von Geweihen, die als Beruf „Qanon-Schamane“ angeben, wie man sie unter den Rechtsradikalen sah, geben wenig Anlass zur Vermutung, eine Machtübernahme stehe bevor.
Die wichtigste Waffen der Störer waren, trotz der Gewalt, der Sprengsätze und der Rammböcke, die Smartphones, mit denen Selfies geschossen wurden. Für „domestic terrorism“, einen zweiten oft verwendeten Begriff, brauchte es mehr als den gewalttätigen Versuch, eine wichtige parlamentarische Sitzung im Kapitol zu stören, so singulär er in der amerikanischen Geschichte ist. Es sei denn, man definierte einen Terrorismus, der sich nicht auf materiellen Schrecken, sondern ganz auf eine symbolische Zerstörung richtet. Viele der Randalierer liefen im Kapitol herum, als sei es gerade der Tag des offenen Monuments.