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Thema: "Apokryphen" von J.G. Seume

  1. #1
    Mitglied Benutzerbild von naturstoned
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    09.08.2022
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    "Apokryphen" von J.G. Seume

    Einer der interessantesten Gestalten überhaupt!
    Also wenn einer in den "Karnickelbau" geblickt hat, dann ER.

    (wird er deshalb vom Deutschunterricht totgeschwiegen?)

    Sohn eines einfachen sächsischen
    - zum Tag der Deutschen Einheit -
    Bauern, dem übel mitgespielt wurde von der Feudalknechtschaft und verlogenen Pfaffenmoral.
    Trotz einfacher Herkunft konnte der junge und begabte Sohn zwar studieren, erfüllend war es leider nicht, geriet dann in die Hände hessische "Werber", welche ihn zwangen, in Amerika auf Seiten Englands zu kämpfen.
    Später war er auch in russischen Diensten, auch in preußischen,
    arbeitete in einem Verlag,
    hatte sich immer unglücklich verliebt.
    Einmal ist er zu Fuß (!) bis nach Sizilien marschiert und wurde dort beinahe dreimal gemessert!
    Westen, Süden, Osten, Norden Europas hat er gesehen und bereist...
    Mit 44 Jahren, drei Jahren bevor er dann in Böhmen starb, verfasste er - gewissermaßen als Abrechnung mit der Welt, obwohl Hass ihm (angeblich) fremd gewesen sein will - seine

    A P O K R Y P H E N

    In diesem Werk, eine Sammlung unterschiedlichster Gedanken und Beobachtungen über die Franzosenzeit, die Menschheit im allgemeinen, über seelische Abgründe, also Gott und die Welt
    hat er mMn so ziemlich gut auf den Punkt gebracht, was der Kern unserer Probleme sind, wie etwa in folgendem Zitat:

    Die Schlechten sind tätig und verwegen, die Besseren – denn Gute kann man sie nicht nennen – sind träge und furchtsam. Das erklärt den meisten Unsinn, den wir in der Welt sehen.
    und zur Ursache von Furcht meinte er


    Faulheit und Dummheit und die aus beiden gemischte Furcht sind die Quellen des meisten Unfugs, den Bosheit und Übermut anrichtet. Wo keine Sklaven sind, kann kein Tyrann entstehen.
    Was bemerkenswert ist, da er zu Beginn seiner Apokryphen bemerkt


    Es ist doch wohl möglich, daß ich zuweilen auch einen guten Gedanken habe; also will ich es immer meiner Faulheit abgewinnen und manchmal einiges niederschreiben. Wenn vielleicht das nämliche wiederholt und variiert vorkommen sollte, so ist das wohl ein Beweis, daß es oft und vielgestaltig in meiner Seele war. Daher könnte man vielleicht schließen, daß mir der Gegenstand etwas wichtig oder lieb müsse gewesen sein.
    Ob "fishing for compliments" oder echte Bescheidenheit, man kommt nicht aus dem Staunen heraus, bei soviel Weitsicht, angesichts folgender Aussage:


    Wer die Deutschen zur Nation machen könnte, machte sich zum Diktator von Europa.
    Zentraler Angriffspunkt in dessen Apokryphen sind die "Privilegien", so meinte er in einem gleichnamigen Gedicht in diesem bunten Werk aus Ideen folgendes:

    ...Der Aberglaube hilft mit Lügen
    Das Volk mit Fug und Recht betrügen
    Und räuchert dem Palladium;
    Und Scriblerbuben stehn an Ecken,
    Despotenspeichel aufzulecken,
    Und grölen: Privilegium!...
    kleiner Gruß an die Lügenpresse ??


    Wo man von Gerechtigkeiten und Freiheiten redet, soll man durchaus nicht von Gerechtigkeit und Freiheit sprechen.
    Man fühlt sich generell bei diesem Werk, obwohl 2/3 deshalb unleserlich ist, aufgrund der etwas umständlichen Schreibe
    (wobei man bedenken muss, dass wegen der Zensur die Apokryphen erst später veröffentlicht wurden und niemals richtig ein Lektorat durchlaufen haben)
    mitunter, dem Geflexe in altgriechisch oder latein, und die Nebenbemerkungen über Leute, nach denen - zurecht? - heute kein Hahn mehr kräht,
    aber bei dem Drittel, welches mit Gold aufzuwiegen ist, gerade so, als ob man mit einem Zeitgenossen über die brennendsten Fragen unserer Zeit wie etwa Denkverbote, Mitläufertum und sprachlicher Trickserei reden würde


    Die Etymologie ist das beste Studium, die Schreckgespenster der heiligen und profanen Gaunerei loszuwerden.
    etwa, wenn man sich die Wortherkunft, des so häufig verwendeten Begriffs "Krise" anschaut, dann bedeutet das griech. "krisis" eigentlich - Quelle: Wikipedia
    ‚Meinung‘, ‚Beurteilung‘, ‚Entscheidung‘
    also hatten wir es 2015 mit einer Flüchtlings - Meinung/Beurteilung/Entscheidung zu tun?
    2020 mit einer Corona - Meinung/Beurteilung/Entscheidung
    jetzt nun mit einer Ukraine oder Inflations oder Indianer oder was auch immer für eine ... MEINUNG/BEURTEILUNG/ENTSCHEIDUNG

    Der Mann hatte halt einfach nur Durchblick.

    War er deshalb nur "der Loser aus Leipzig" ??


    Wann wird man wohl einmal wieder mit Ehren deutsch denken, reden und schreiben können? Wer laut vernünftig ist, wird entweder von den Fremden erschlagen oder von den einheimischen Bütteln ins Tollhaus gebracht.
    Für solche Sprüche bekommt man diese Tage Besuch vom "Freund und Helfer" bzw. den "goldenen Aluhut":


    Wo Geheimnisse sind, fürchte ich Gaunerei. Die Wahrheit kann und darf vor Männern das Licht nicht scheuen. Es gibt keine Wahrheit, die man vor Vernünftigen verbergen müßte. Einweihung ist Entweihung des Menschensinnes. Der Staat hat also großes Recht, keine geheimen Gesellschaften dulden zu wollen, so wie er großes Unrecht hat, die helle Untersuchung der wichtigen Punkte des Gesellschaftsrechts zu untersagen.
    Seume, der alte "Reichsbürger" und "Schwurbler"...


    »Er hat große Dinge im Kopfe«, sagt man jetzt, um jemand lächerlich zu machen. Man kann ein kleines, sklavisches, weggeworfenes Geschlecht nicht besser bezeichnen.
    Aber einer der - aus heutiger Sicht - bemerkenswertesten Sprüche in den "Apokryphen" war diese Begegnung:


    Ein Buchhändler wollte mir vor einiger Zeit tausend Taler geben, ich sollte ihm psychologisch meine Lebensbildung schreiben. Das Buch hätte einige alte Wahrheiten enthalten, die man vergessen hat, und vielleicht einige neue, die man nicht will. Ich fand es also meinem Charakter gemäßer, die tausend Taler nicht zu nehmen. Wenn ich 88 Jahre alt sein werde, will ich's für die Hälfte etwas besser machen. Sterbe ich unterdessen, so hat die Welt wenig verloren und ich noch weniger.
    Ich habe selten jmd. gelesen, der soviel düsteres und pessimistisches ("red/black pilled") mit heller Wahrheitsliebe verbindet.

    Mir ist es sehr lieb, wenn sie andern verständlicher ist als mir.

  2. #2
    رياضياتي Benutzerbild von Differentialgeometer
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    Standard AW: "Apokryphen" von J.G. Seume

    Grandios! passt in diese Zeit wie Faust aufs Gretchen.

    Zitat Zitat von naturstoned Beitrag anzeigen
    Einer der interessantesten Gestalten überhaupt!
    Also wenn einer in den "Karnickelbau" geblickt hat, dann ER.

    (wird er deshalb vom Deutschunterricht totgeschwiegen?)

    Sohn eines einfachen sächsischen
    - zum Tag der Deutschen Einheit -
    Bauern, dem übel mitgespielt wurde von der Feudalknechtschaft und verlogenen Pfaffenmoral.
    Trotz einfacher Herkunft konnte der junge und begabte Sohn zwar studieren, erfüllend war es leider nicht, geriet dann in die Hände hessische "Werber", welche ihn zwangen, in Amerika auf Seiten Englands zu kämpfen.
    Später war er auch in russischen Diensten, auch in preußischen,
    arbeitete in einem Verlag,
    hatte sich immer unglücklich verliebt.
    Einmal ist er zu Fuß (!) bis nach Sizilien marschiert und wurde dort beinahe dreimal gemessert!
    Westen, Süden, Osten, Norden Europas hat er gesehen und bereist...
    Mit 44 Jahren, drei Jahren bevor er dann in Böhmen starb, verfasste er - gewissermaßen als Abrechnung mit der Welt, obwohl Hass ihm (angeblich) fremd gewesen sein will - seine

    A P O K R Y P H E N

    In diesem Werk, eine Sammlung unterschiedlichster Gedanken und Beobachtungen über die Franzosenzeit, die Menschheit im allgemeinen, über seelische Abgründe, also Gott und die Welt
    hat er mMn so ziemlich gut auf den Punkt gebracht, was der Kern unserer Probleme sind, wie etwa in folgendem Zitat:



    und zur Ursache von Furcht meinte er




    Was bemerkenswert ist, da er zu Beginn seiner Apokryphen bemerkt




    Ob "fishing for compliments" oder echte Bescheidenheit, man kommt nicht aus dem Staunen heraus, bei soviel Weitsicht, angesichts folgender Aussage:




    Zentraler Angriffspunkt in dessen Apokryphen sind die "Privilegien", so meinte er in einem gleichnamigen Gedicht in diesem bunten Werk aus Ideen folgendes:



    kleiner Gruß an die Lügenpresse ??




    Man fühlt sich generell bei diesem Werk, obwohl 2/3 deshalb unleserlich ist, aufgrund der etwas umständlichen Schreibe
    (wobei man bedenken muss, dass wegen der Zensur die Apokryphen erst später veröffentlicht wurden und niemals richtig ein Lektorat durchlaufen haben)
    mitunter, dem Geflexe in altgriechisch oder latein, und die Nebenbemerkungen über Leute, nach denen - zurecht? - heute kein Hahn mehr kräht,
    aber bei dem Drittel, welches mit Gold aufzuwiegen ist, gerade so, als ob man mit einem Zeitgenossen über die brennendsten Fragen unserer Zeit wie etwa Denkverbote, Mitläufertum und sprachlicher Trickserei reden würde




    etwa, wenn man sich die Wortherkunft, des so häufig verwendeten Begriffs "Krise" anschaut, dann bedeutet das griech. "krisis" eigentlich - Quelle: Wikipedia
    ‚Meinung‘, ‚Beurteilung‘, ‚Entscheidung‘
    also hatten wir es 2015 mit einer Flüchtlings - Meinung/Beurteilung/Entscheidung zu tun?
    2020 mit einer Corona - Meinung/Beurteilung/Entscheidung
    jetzt nun mit einer Ukraine oder Inflations oder Indianer oder was auch immer für eine ... MEINUNG/BEURTEILUNG/ENTSCHEIDUNG

    Der Mann hatte halt einfach nur Durchblick.

    War er deshalb nur "der Loser aus Leipzig" ??




    Für solche Sprüche bekommt man diese Tage Besuch vom "Freund und Helfer" bzw. den "goldenen Aluhut":




    Seume, der alte "Reichsbürger" und "Schwurbler"...



    Aber einer der - aus heutiger Sicht - bemerkenswertesten Sprüche in den "Apokryphen" war diese Begegnung:




    Ich habe selten jmd. gelesen, der soviel düsteres und pessimistisches ("red/black pilled") mit heller Wahrheitsliebe verbindet.

    Jarrow Yilderim Model

  3. #3
    Mitglied Benutzerbild von naturstoned
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    Standard AW: "Apokryphen" von J.G. Seume

    Zitat Zitat von Differentialgeometer Beitrag anzeigen
    Grandios! passt in diese Zeit wie Faust aufs Gretchen.
    Das hier könnte Dir gefallen:

    Tragt Mathematik ins Staatsrecht, und alle Schäden werden geheilt.

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