Indigene Völker

Terminologie

Es gibt einen breiten Diskurs darüber, wie indigene Völker korrekt zu bezeichnen sind. Deshalb soll an dieser Stelle ein Überblick über die Terminologie gegeben werden, um so zu erklären, warum Survival International bewusst diese oder jene Bezeichnung verwendet. Survival ist sich darüber im Klaren, dass alle Begriffe problematisch sind und für jedes einzelne Wort rechtmäßige Einwände geltend gemacht werden können. In jeder Sprache versuchen wir den Begriff zu verwenden, der jeweils am besten von der Allgemeinheit verstanden wird und die Eigenbenennungen nicht verletzt.

Indigene Völker


Der Begriff „indigen“ leitet sich vom lateinischen Wort „indiges“ ab, was soviel heißt wie „einheimisch“ oder „eingeboren“. Damit sind vor allem außereuropäische Gesellschaften gemeint, die durch die Kolonisierung der letzten Jahrhunderte ihre politische Autonomie weitestgehend verloren haben. Dies geht oft mit ihrer Vertreibung, kultureller Zwangsanpassung oder auch Massenmord einher. Kritiker mögen anmerken, dass alle Menschen auf dieser Welt irgendwo „einheimisch“ sind. Die Bedeutung des Wortes „indigen“ beinhaltet jedoch auch den Aspekt der Marginalisierung sowie der Verletzung der Menschen-, Land- und Eigentumsrechte, welche nicht auf jeden Einheimischen zutreffen. Um den Status eines indigenen Volkes zu bekommen, müssen sich die so Bezeichneten als Indigene fühlen und auch von Außenstehenden als solche anerkannt werden. Indigene Völker nehmen eine Sonderrolle innerhalb von Nationalstaaten ein. Nicht alle indigenen Völker sind gleich „Stammesvölker“, da nicht alle indigenen Gesellschaften in „Stämmen“ organisiert leben. Umgekehrt sind nicht alle „Stammesgesellschaften“ in den Ländern, in denen sie jetzt leben, indigen.

Volk

Volk bezeichnet eine sich zusammengehörig fühlende Gruppe von Menschen. Da der Begriff „Volk“ ein Konstrukt ist, muss man sich bei dessen Benutzung im Klaren sein, dass es sich nicht um ein statisches, geschlossenes und unveränderbares Gefüge handelt, sondern um einen sehr heterogenen Zusammenschluss von Menschen. Das Völkerrecht wahrt die Kollektivrechte von Völkern, wie ihre Landrechte, kulturellen und sprachlichen Rechte, die freie Verfügung über Land und Ressourcen und das Recht, den Lauf der eigenen Entwicklung selbst zu bestimmen. Mit Bezug auf das Völkerrecht, das bisher die einzige Möglichkeit für indigene Völker bildet, ihre Rechte einzuklagen, verwendet Survival International weiterhin den Begriff Volk und ersetzt ihn nicht durch Ethnie.

Ethnie

Ethnie ist ein neuerer Begriff für Volk, der jedoch dieselben Denkstrukturen und –inhalte wie Volk transportiert. Die Bezeichnung „ethnische Gruppe“ unterstreicht, dass eine Ethnie eine Konstruktion und keine in sich geschlossene, unveränderbare Einheit darstellt.
Stammesvölker Außereuropäische Gesellschaften werden oft pauschal als „Stämme“ bezeichnet. Dieser Begriff ist heute negativ besetzt, da es der Vielfalt der außereuropäischen gesellschaftlichen Strukturen nicht gerecht wird. Gleichzeitig suggeriert „Stamm“, dass seine Angehörigen auf einem niedrigeren Entwicklungsstand seien als industrialisierte Gesellschaften und somit als „unterlegen“, „rückständig“, „primitiv“, „minderwertig“ oder „wertlos“ eingestuft werden. Dennoch ist Stamm auch eine politische Organisationsform und kann dort verwendet werden, wo sich Menschen selbst als „einem Stamm zugehörig“ bezeichnen. Auch die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN), spricht in ihrer Konvention 169 von „in Stämmen lebenden Völkern“. Der Begriff „Stamm“ ist jedoch nicht auf alle indigenen Völker zu verallgemeinern.

Unkontaktierte Völker

Unter unkontaktierten Völkern versteht Survival International Gesellschaften, die bislang keinen friedlichen Kontakt mit der industrialisierten Welt hatten, sondern sich meist bewusst dagegen entscheiden. Damit ist nicht gemeint, dass sie gänzlich isoliert leben und keine Kontakte zu angrenzenden oder verwandten indigenen Gruppen pflegen. Sie suchen lediglich keinen Kontakt zur industrialisierten Außenwelt, da sie oftmals von anderen Indigenen erfahren haben, welche Probleme, Krankheiten und Bedrohungen ihres Lebens und Landes ihnen sonst drohen. Sie leben auch nicht in der Steinzeit, sondern sind unsere Zeitgenossen.

Naturvölker


Mit dem Begriff „Naturvölker“ werden nicht-industrialisierte Völker bezeichnet, die weitgehend ohne Technologie in enger Beziehung zu ihrer Umwelt leben. Damit geht einher, dass Naturvölker auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe und in sich nicht verändernden Strukturen leben, wie man sie schon in der Steinzeit vorgefunden hätte. Der Begriff Naturvolk stellt dem Begriff der „Natur“ den der „Kultur“ gegenüber, die man den so genannten Naturvölkern nicht zuspricht. Zudem wird ein romantisierendes Bild von unverfälschten und ursprünglich lebenden Menschen, so genannten edlen Wilden, vermittelt. Dieses Konzept ist empirisch nicht haltbar und entspringt westlichen Wunschprojektionen.

Aborigines


Aborigine, vom Lateinischen „ab origine“, was im Deutschen mit „von Beginn an“ übersetzt wird, ist die Bezeichnung für die Ureinwohner Australiens, Tasmaniens und einiger angrenzender Inseln. Die Aborigines sind kein einheitliches Volk, sondern leben in verschiedenen Völkern, Stämmen und Klans mit unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Eigenheiten. Sie sind nicht mit den Torres Strait Islanders verwand, die zur melanesischen Kultur gehören.

Buschleute
Unter Buschleuten, häufig auch San genannt, versteht man die Urbevölkerung des südlichen Afrikas. Diese Wildbeuter-Gemeinschaften lebten früher im ganzen südlichen Afrika und sind heute noch in der Kalahariwüste in den Ländern Botswana, Namibia, Angola, Südafrika, Sambia und Simbabwe vertreten. Mit den sprachlich eng verwandten Khoikhoin werden sie oft als Khoisan zusammengefasst. Die Kung, Ko, Gana und Gwi sind nur einige der Völker, die man unter dem Begriff Buschleute vereint. Die unterschiedlichen Völker haben bisher keine gemeinsame Bezeichung, die unter ihnen selbst breite Akzeptanz erreicht hat. Von Außenstehenden haben Sie eine Reihe von Namen erhalten, “Buschleute” zählt dabei zu den ersten. Das Wort stammt wahrscheinlich vom Ausdruck “bossiesman” ab, was so viel wie “Bandit” oder “Gesetzloser” bedeutet. Trotz dieses negativen Ursprungs, haben viele Völker die Bezeichnung inzwischen akzeptiert und nutzen sie selbst. Gründe die von betroffenen Völkern angebeben wurden sind unter anderem der hohe Wiedererkennungswert und der Bezug zum “Busch” – ihrem Land. Der Ausdruck “San”, ebenfalls gleichbedeutend mit “Bandit” oder “Nichtsnutz” hat sich später, besonders in akademischen Kreisen, etabliert, da Buschleute als rassistisch und sexistisch angesehen wurde. Unter indigenen Völker ist “San” vor allem in Namibia verbreitet. Sowohl San als auch Buschleute sind Bezeichnungen, die mit Vorurteilen beladen sind. Dennoch ist es wichtig festzustellen, dass die Mehrheit von indigenen Völkern in Namibia und Botswana heute den Ausdruck “Buschleute” bevorzugt und das Wort wieder für sich eingenommen hat. Seit den späten 1990er Jahren, benutzen einige Buschleute auch die Selbstbezeichnungen Noakwe oder N/oakwe (Rote Menschen) und Kwe (Menschen). Auch wenn diese selbstgewählten Bezeichnungen klar zu bevorzugen sind, müssen sie erst breitere Akzeptanz unter den Buschleuten selbst und in der Öffentlichkeit finden. Bis dahin bleibt der Ausdruck Buschleute der am meisten akzeptierte unter den Völkern selbst und bei der Vermittlung von Informationen in der Öffentlichkeit.

Indianer

Indianer bezeichnet allgemein die Urbevölkerung Nord-, Mittel- und Südamerikas, die sich in unterschiedliche Völker, Stämme und Sprachgruppen teilt. Die kanadischen Indianer bezeichnen sich als First Nation und die Ureinwohner der Vereinigten Staaten als Native Americans. In Süd- und Mittelamerika unterscheidet man zwischen Hoch- und Tieflandindianern. Zu letzteren zählen beispielsweise die Amazonas-Indianer. Der Begriff Indio wird von den so Bezeichneten als abwertend angesehen. Sie selbst bezeichnen sich in Mittel- und Südamerika als indígenas (Ureinwohner) oder pueblos indígenas (indigene Bevölkerung).



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