Zitat von
OneDownOne2Go
Wenn man sich die nackten Zahlen betrachtet, und hier meine ich namentlich die russischen Verluste bis März 1942, dann kommt man schon zu der Auffassung, dass der Russe "fertig" ist - wenn man den Maßstab anlegt, der bei jeder westlichen Armee uneingeschränkt gültig wäre. So einen Aderlass an Material und vor allem an Menschen hätte keine westliche Nation überstanden. Und - ganz im Gegensatz zu 1941 - der Russe nahm jetzt den Kampf nicht mehr an, er wich aus, zog sich zurück, focht maximal noch hinhaltend, auch das kann man als ein Zeichen werten, dass die militärische Kraft eines Gegners weitestgehend verbraucht ist. Das passt natürlich auch gut zum ursprünglichen Narrativ vom morschen Bolschewikenstaat, dessen Tür man wuchtig eintreten muss, damit er dann schnell in sich zusammenfällt. Sicher, Moskau hatte man nicht genommen, aber man hatte die Rote Armee - wenn auch nach einer ernsten Krise - zu Frühjahrsbeginn letztlich überall abgeschmiert, das konnte man auch so verstehen, dass Stalin seine letzten Kräfte in die Schlacht geworfen und verzockt hatte.
Niemand von uns war im FHQ, OKW, OKH, einem Heeresgruppen-Generalstab oder irgendwo sonst, wo er vielleicht mit eigenen Augen hätte sehen können, wie es zu der massiven Fehleinschätzung vom Frühjahr 1942 kam. Wir wissen, das sagst du ganz richtig, was wir heute wissen. Dazu gehört eben auch, dass es Anfang 1941 durchaus solide Informationen darüber im OKW gab, dass der Russe eben nicht fertig war, sondern noch immer ganz erhebliche Reserven besaß, es aber vorzog, sich nicht mehr einfach totschlagen - oder, um genau zu sein, von der überlegenen deutschen Strategie und Taktik ausmanövrieren, einkesseln und zusammenhauen - zu lassen. Haben diese Informationen Hitler erreicht? Ich weiß es nicht mit Bestimmtheit. Seine Abneigung gegen Fremde Heere Ost ist bekannt, vielleicht kannte er deren Berichte, glaubte sie aber schlicht nicht.
Wahrnehmung ist eine komplizierte Geschichte, sie wird immer durch unsere Haltung zu irgend einem Thema bestimmt, da machte Hitler keine Ausnahme. Wenn er glaubte, dass Stalin militärisch am Ende war, und wenn alle Indikatoren darauf hindeuteten, dass das der Fall war, dann mag es gut sein, dass er Informationen, die das glatte Gegenteil behaupteten, einfach für "erfunden" hielt. Je weiter der Krieg fortschreitet, desto häufiger möchte zumindest ich die Perspektive des Beobachters abstreifen, Hitler bei den Schultern nehmen, schütteln und rufen "Adolf, Adolf, was machst du nur?" Manches ist im Rückblick so unverständlich, dass man schier daran verzweifeln möchte...