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OneDownOne2Go
Erstes Ziel von Fall Blau, dem Operationsplan für 1942, war die Unterbrechung des Nachschubes, der über die Wolga geführt wurde. Das wäre mehr oder weniger an jedem Ort entlang des Flusses gegangen, dazu hätte man sich nicht an einer Stadt festbeißen müssen. Eine wesentliche Rolle dürfte der Name der Stadt gespielt haben, mit der Einnahme hätte man - für einen auf Effekt bedachten Mann wie Hitler sicher nicht unwichtig - symbolisch Stalin besiegt. Die Industrie der Stadt selbst war sicher wichtig, machte sie aber nicht zu einem Ziel ersten Ranges für eine ganze Heeresgruppe. Oder, besser gesagt, eine halbe, denn durch die Umstellung des Fahrplans - vorgesehen war, erst untere Wolga im Raum Stalingrad, dann Kaukasus - blieben letztlich weder für die Wolga-Operation noch den Stoß in den Kaukasus wirklich ausreichende Kräfte.
Als Hitler sich angesichts des russischen Gegenangriffes entschloss, die Front im Bogen um Stalingrad nun doch so stark zu machen, wie sie von Anfang an hätte sein müssen und sollen, war es dazu einfach zu spät. Verstärkungen aus dem Westen wären, soweit überhaupt verfügbar, nicht mehr in einem akzeptablen Zeitrahmen in den Operationsraum zu bringen gewesen. Verstärkungen aus dem südöstlichen Schlagarm der Heeresgruppe war auch nicht zu beschaffen, denn der war selbst bereits überdehnt und der ihm gestellten Aufgabe kaum bis gar nicht gewachsen. Jede Abgabe von Truppen zur Front im Raum um Stalingrad hätte, soweit technisch überhaupt rechtzeitig durchführbar, die Kaukasus-Operation absehbar zum völligen Zusammenbruch verurteilt.
Versteh mich nicht falsch, mir geht es nicht darum, hier möglichst viel Verantwortung bzw Schuld auf Hitler abzuwälzen, um zugleich die Generalität zu entlasten. Fakt ist aber, dass schon die Einleitung zur durch Hitler überarbeiteten Fassung der Weisung zum Fall Blau unhaltbaren Blödsinn enthält. Die Behauptung, die rote Armee sei auf dem heillosen Rückzug und hätte bereits alle ihre vitalen Reserven verbraucht, müsste also quasi nur noch "mal eben zum endgültigen Einsturz" gebracht werden, war faktisch einfach falsch, und das war dem deutschen Generalstab auch bekannt, wenn vielleicht auch nicht in vollem Umfang. Die viel gescholtene Abteilung Fremde Heere Ost hat damals eine ziemlich zutreffende Einschätzung der russischen Kräftelage geliefert, und es war Hitler, der das als "Gelens üblichen Unsinn" vom Tisch gewischt hat. Nach den intensiven und letztlich erfolgreichen Winterkämpfen ab Januar 1942 konnte man vielleicht wirklich den Eindruck gewinnen, der Russe sei nun heillos auf der Flucht, fertig, am Ende, und müsste nur noch irgendwo gestellt und "zusammengefegt" werden. So eine Auffassung kann sich ein Gefreiter leisten, oder ein kleiner Leutnant, der abseits seiner 2.500 Meter Front kaum einen Überblick hat, aber wie kann es sein, dass der Generalstab wider besseres Wissen zu dieser Einschätzung kam? Hatte dort keiner eine einzige Zeile über Napoleons Russland-Feldzug gelesen? Unwahrscheinlich, oder?
Der Fehler, der letztlich zur Katastrophe an der Wolga führt, steckte schon in der letztlich ausgegebenen Fassung des Operationsplans. Sie wäre vielleicht danach noch ein paar mal zu verhindern gewesen, gerade in der frühen Phase der Einschließung der 6. Armee, als sie vielleicht noch hätte ausbrechen können. Oder durch rechtzeitige Verschiebung von Kräften an die Wolga, die die wackeligen Abschnitte der Rumänen hätte stabilisieren können, die lagen immerhin vollkommen unzureichend ausgerüstet und versorgt an Frontabschnitten, die gerade eine Einladung für einen russischen Gegenstoß waren. Aber mit der Entscheidung, in Stalingrad zu Igeln, war der Zug abgefahren.