Herr Habeck, hat doch was mit Katar abgemacht! Fracking? Bio?
Druckbare Version
Herr Habeck, hat doch was mit Katar abgemacht! Fracking? Bio?
Es geht hier aber um weitaus mehr als deine Spezialistenphantasien...
Die D-Industrie verbraucht rund 1/3 des Erdgases und davon benutzt sie auch nur einen Teil für die chemische Industrie. Inwiefern wäre dies denn allein schon mengenmäßig dermaßen relevant, LNG per se ausschließen zu wollen???
Denn genau das hast du behauptet.
Teil 3
Patriarchen und Oligarchen
Kiew zeigt dem Besucher sehr unterschiedliche Gesichter. Ich will mich nicht als Fremdenführer in einer Stadt betätigen, die zahllose deutsche Touristen aus eigener Anschauung kennen. 1966 hatte ich de Gaulle und 1985 Helmut Kohl beim obligaten Besuch des Höhlenklosters begleitet. Bei sommerlichem Wetter war mir die ukrainische Metropole beinahe südländisch erschienen, mit lebhaften Menschen und einer Atmosphäre, die vage k.u.k.-Assoziationen weckte. Dann wiederum – bei meinem Besuch im März 1992 – schmolzen Schneeflocken auf dem schmutzigen Asphalt. Der Nebel versperrte jede Aussicht. Die Menge wirkte armselig und grobschlächtig. Nur in politischer Hinsicht lag Hoffnung in der Luft. Der Empfang im Hauptquartier der Unabhängigkeitspartei »Ruch« war alles andere als liebenswürdig. Das Natschalnik-Unwesen, eine Neigung zu Obrigkeitshörigkeit und Verantwortungslosigkeit, die man den »Kleinrussen« nachsagt, gab auch in den Büros dieser Erneuerungsbewegung den Ton an.
Aber dann traf ich auf den damaligen Oppositionsführer Wjatscheslaw Tschornowil, und der machte einen vorzüglichen Eindruck. Der Vorsitzende von »Ruch« war ein lebhafter, blonder Mann, etwa fünfzig Jahre alt. Den Schnurrbart hatte er sich nach Kosakenart über die Mundwinkel nach unten wachsen lassen. Im Gegensatz zum niederen Parteipersonal verschmähte er es nicht, Russisch zu sprechen. Die Konversation verlief in großer Offenheit.
Durch welche Eingebung des Heiligen Geistes der KP-Funktionär Leonid Krawtschuk, früher Sekretär für marxistische Ideologie, denn zum ukrainischen Patriotismus, ja zum radikalen Nationalismus gefunden habe, fragte ich. Die Dreifaltigkeit könne ich aus dem Spiel lassen, lächelte Tschornowil. Krawtschuk sei der perfekte Wendehals. Er habe sich der Situation angepaßt und der ukrainischen Ruch-Bewegung kurz und bündig das Programm geklaut. Dieser gewiefte Apparatschik verfüge weiterhin über den Machtapparat, den das Sowjetsystem beinahe intakt hinterlassen habe. Die Politiker von Ruch hingegen erschienen den Ukrainern vielleicht zu romantisch, zu radikal reformerisch. Man fürchte sich eben vor dem Abenteuer. Deshalb bildeten die Ruch-Abgeordneten im Parlament eine recht schmale Fraktion, und für ihn, Tschornowil, bestehe kaum Aussicht, in absehbarer Zeit Regierungschef zu werden. Im übrigen dürfe man nicht vergessen, daß – vor allem im Donez-Becken, aber auch im Raum von Charkow und Odessa – eine überwiegend russische Bevölkerung schon vor dem Ersten Weltkrieg, zur Zeit der zaristischen Industrialisierungspolitik ansässig geworden sei. Sie stammte aus den ärmsten Agrarzonen von Kursk, Orjol und Woronesch. Die Russen würden etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen, und mit der ukrainischen Unabhängigkeit hätten sie nicht viel im Sinn.
Ob Präsident Krawtschuk bei seiner Hinwendung zum regionalen Nationalismus mit jenen Staatschefs verglichen werden könne, die neuerdings in Zentralasien das Sagen hätten, etwa mit Islam Karimow von Usbekistan oder mit Saparmurat Nijasow von Turkmenistan? Da winkte Tschornowil ab. Der Ukrainer Krawtschuk sei gezwungen, das Ritual des Parlamentarismus wenigstens oberflächlich zu respektieren und sogar einen gewissen Pluralismus zu dulden. Männer wie Karimow oder gar Nijasow – genannt »Turkmenbaschi« – hingegen würden keinerlei Anlaß sehen, irgendwelche demokratische Gepflogenheiten in ihren jeweiligen Republiken einzuführen. Bei den Muselmanen der ehemaligen Sowjetunion – auch wenn sie in den vergangenen siebzig Jahren von unaufhörlichen Gottlosen-Kampagnen unter Druck gesetzt worden seien – schreibe unterschwellig der Koran weiterhin die Verhaltensregeln vor, selbst in der praktischen Politik. Mit den Vorschriften der Scharia, der islamischen Rechtsprechung, so argumentierte der Ruch-Politiker und bewies damit eine seltene Einsicht in die Botschaft des Propheten, sei doch das westliche Konzept der Demokratie erklärtermaßen nicht zu vereinbaren.
Tschornowil stand im Begriff, seinen festen Wohnsitz endlich von Lemberg nach Kiew zu verlagern. Die ehemals österreichische, dann polnische Westukraine behauptete ihre Sonderstellung, stand an der Spitze der Bewegung zur Loslösung von Moskau. Der Oppositionspolitiker gab mir den Rat, möglichst bald nach Lemberg zu reisen. Es fänden dort neuerdings gewalt-tätige konfessionelle Auseinandersetzungen statt zwischen den ukrainischen Orthodoxen, die ein eigenes, von Moskau unab-hängiges Patriarchat fordern, den russischen Orthodoxen, die die prawoslawische Kircheneinheit unter Alexej II. bewahren wollen, und den unerschütterlichen Gläubigen der griechisch-katholischen Kirche, die sich unter Beibehaltung der byzantinischen Riten dem Papsttum unterstellt hatten und die Union mit Rom eingegangen waren.
Den Österreichern sei zu verdanken, daß in Ost-Galizien das ukrainische Kulturgut kraftvoll überleben konnte. Schon zur späten Zarenzeit seien aus Lemberg die ersten Anstöße zu jener nationalen Wiedergeburt gekommen, die im 19. Jahrhundert den Dichter Taras Schewtschenko, einen früheren Leibeigenen, inspirierte. Ich hätte diesen aufrechten Patrioten bei meinem jetzigen Aufenthalt nach vierzehn Jahren gern wiedergetroffen.
»Tschornowil ist doch seit langem tot«, lautete die Auskunft. »Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen auf eine Weise, deren sich der KGB gern bedient, um ernstzunehmende Gegner aus dem Weg zu räumen.«
Dieses Mal finde ich Gefallen an Kiew. Das liegt an der milden Frühlingssonne, am frischen Grün, an den goldenen Kuppeln der Kirchen und an dem altmodischen Stadtviertel im Jugendstil, wo sich mein Hotel befindet und wo die heruntergekommenen Häuserfassaden renoviert wurden. Meine Gesprächspartner hingegen, die vom verflossenen Krawtschuk-Kutschma-System ebenso angewidert sind wie von dem Pseudo-Heroen der Orange-Revolution, geben sich düsteren Stimmungen hin. »Das Land ist der Willkür eines Dutzend zwielichtiger Milliardäre ausgeliefert«, erfahre ich bei dem Politologen Wladimir Malenkowitsch.
»Sie kontrollieren nicht nur die Wirtschaft, sie beherrschen auch die Politik.« Der Professor lebt in einer vergammelten, aber stilvollen Wohnung. Mit Künstlermähne, rotem Hemd und Cord-Hose wirkt er wie ein gealterter Hippie. »Ich war auch mal Reformer und Dissident, aber die Illusionen sind verflogen.« Zwar bilde sich allmählich eine technisch kompetente Mittelklasse von Managern und Ingenieuren heraus, aber der Sturz vom Sozialismus in eine kriminelle Variante des Kapitalismus sei zu brutal gewesen. Davon erhole sich das Land nicht. So seltsam es klinge, die Ukraine sei heute auf seine Oligarchen angewiesen, sonst bräche alles zusammen. Man stehe noch nicht am Ende schmerzlicher Überraschungen. Da liegt in der Rada ein Gesetzentwurf parat, der den Bauern für ein paar Kopeken das fruchtbare Land wegnähme und den Weg freimachte für die Schaffung immenser und rentabler Agrar-Domänen.
Die neuen Feudalherren, die sich Armeen von Leibwächtern leisten, lassen sich in diverse Gruppen unterteilen. Geographisch verteilt sind die Clans grosso modo auf den Donbas in der Ost-Ukraine, auf das Gebiet rund um Dnjepropetrowsk und auf Kiew. Da gebe es sogar einen Juristen namens Medwedtschuk, der im Parlament an der Spitze einer »Sozialdemokratischen Partei« stehe und neben seinen sonstigen extrem einträglichen Tätigkeiten mehrere TV-Sender, Zeitungen und Banken besitze. Erwähnt werde in erster Linie auch Viktor Pintschuk mit einem Vermögen von 2,5 Milliarden Dollar. Als Schwiegersohn des ehemaligen Staatschefs Kutschma habe er sich einen Abgeordnetensitz gesichert und sei damit vor Strafverfolgung gefeit. An der Spitze rangiert im östlichen Donezk der Großindustrielle Rinat Achmetow, vermutlich 3,5 Milliarden Dollar schwer.
Ich habe Malenkowitsch auf die imponierende Batterie moderner und komfortabler Appartement-Häuser angesprochen, die hoch über dem Dnjepr eine stattliche Skyline zeichnen. Da handele es sich nicht um eine soziale Maßnahme gegen die heillose Wohnungsnot, sondern um langfristige Spekulationsobjekte und um eine raffinierte Form der Geldwäsche, berichtigt mich der Professor. Von seinem Fenster blicken wir auf die bombastische Viktoria im silbernen Panzer, die Leonid Breschnew zur Feier des Sieges im »Großen Vaterländischen Krieg« errichten ließ. Völlig anachronistisch wirkt jener kolossale Regenbogen aus Stahl, mit dem der damalige Generalsekretär der KPdSU des 60. Jahrestags des »ruhmreichen und spontanen Anschlusses« der Ukraine an die Sowjetunion gedachte. Im plumpen Stil des sozialistischen Realismus verschränken darunter Sowjetmenschen aller Völkerschaften die Arme zu brüderlicher Solidarität und immerwährender proletarischer Einheit. Wenigstens der enorme Lenin-Götze vor dem früheren Intourist-Hotel ist abgetragen worden.
Bei der Rückfahrt ins »Radisson« fällt mir die bescheidene Statue des heiligen Wladimir auf, jenes Rurikiden-Fürsten, der vor tausend Jahren die Untertanen der »Kiewer Rus« zur Massentaufe ins Wasser des Dnjepr beorderte. Die Darstellung Wladimirs mag winzig erscheinen neben dem schwülstigen Triumphalismus der späten Sowjetphase. Aber in der Geschichte Rußlands nimmt er eine eminente Bedeutung ein.
Kiew war von den Chronisten des Mittelalters als »Mutter aller russischen Städte« gefeiert worden. Hier hatte sich im zehnten Jahrhundert die schicksalhafte Hinwendung der warägischen Rurikiden zur Ostkirche von Konstantinopel voll-zogen, und damit war die spätere Ukraine dem konfessionellen Zugriff der katholischen Polen, Litauer und Österreicher, trotz wechselnder Herrschaftsverhältnisse, ein für allemal entzogen. Zu jener Zeit wogen die dogmatischen Differenzen der rivalisierenden Kleriker weit schwerer als jene ethnischen oder sprachlichen Gegensätze, die sich erst im 19. Jahrhundert zum Nationalitätenbegriff verdichteten.
Nach dem Mongolensturm, der Kiew vernichtete, schied die ehrwürdige Waräger-Metropole am Dnjepr ein paar Jahrhunderte lang aus der Geschichte aus. Der breite Steppengürtel, der nördlich des Schwarzen Meeres die Eroberungsstürme der asiatischen Horden begünstigte, bevölkerte sich mit entlaufenen russischen Leibeigenen, mit wilden slawischen Steppenkriegern, die sich den tatarischen Namen »Kosaken« zulegten und ihre Bandenführer, die Hetmane, in freien Versammlungen wählten. Nach und nach schüttelten im Norden die Großfürsten Musko-wiens das erdrückende Tatarenjoch ab. Ihre Expansionsziele richteten sich unter anderem nach Süden.
Als sich die einst kraftvolle Union der Polen und Litauer an den Rivalitäten ihrer Adelscliquen zerrieb, hatte der ukrainische Hetman Bogdan Chmelnizki Mitte des 17. Jahrhunderts eine Anlehnung an den Zarenthron gesucht. Noch einmal bäumte sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts der greise Hetman Masepa gegen die großrussische Vorherrschaft auf und ging ein Bündnis mit dem Schwedenkönig Karl XII. ein. Doch dieser Traum zerschellte am imperialen Impetus Peters des Großen. Der russische Sieg bei Poltawa im Jahre 1709 signalisierte die endgültige Wende. Katharina der Großen blieb es vorbehalten, mit der Aufteilung der Ukraine in Gouvernements, mit der Knechtung der freien Bauern und ihrer Einordnung in das repressive System der russischen Leibeigenschaft die letzten Ansätze regionaler Autonomie zu ersticken. Erst die völkischen Romantiker des 19. Jahrhunderts sollten – unter dem Einfluß deutscher Vordenker – die ukrainische Nationalidee zu neuem Leben erwecken.